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Es gibt einen alten lateinischen Spruch, der diese Weisheit enthält: »Nullum desiderium naturale inane - keine natürliche Sehnsucht ist leer«. Das bedeutet: Im Prinzip gibt es für jede natürliche Sehnsucht des Menschen ein erfüllendes Gut. So für Hunger und Durst Speise und Trank, für Müdigkeit Schlaf, für Krankheit Heilung. Aber zur menschlichen Natur gehören auch Geist und Seele. Da wohnt die Sehnsucht nach Wahrheit, nach dem Guten und Schönen, nach den Werten, nach Heimat im Beständigen. Im irdischen Raum gibt es kein Bleiben. Kaum ergriffen, entschwindet Jegliches, jede Wahl ist Verzicht, jede Erfüllung Enttäuschung. Angst ist des Menschen Begleiter, Sicherheit seine Sehnsucht; Tod sein Schicksal, Leben, Ewigkeit sein Traum. Im Endlichen zerfließt alles, ist Wanderung ohne Ankunft, Ruhelosigkeit, Friedlosigkeit. Die Sehnsucht aller ist das Zuverlässige, Bleibende, die Heimat ohne Enttäuschung, das Vollkommene, das Absolute. Sollte dieses Ursehnen aller Völker und Menschen ins Leere gehen? Sollte ihnen das höhnische Nein, das Nichts gegenüberstehen? Alles in Sinnlosigkeit münden, was wir gehofft, geliebt, erstrebt haben? Alles ein großes Betrug? Der irdische Wanderer hat auf solche Fragen im Glauben Antwort und in Symbolen Zeugen - wenn er will, wenn er mit Anselm von Canterbury sagt: » Credo ut intelligam - Ich glaube, um zu verstehen«, d. i., ich tue den Willensschritt zum Glauben, um dann zu erkennen. Zugreifen also, um zu bekommen. Und da ist noch das Augustinus-Wort: »Non intratur in veritatem, nisi per caritatem - Ins Haus der Wahrheit führt nur die Pforte der Liebe«. Auch in der Naturwissenschaft gilt es, die Wahrheit zu lieben, um sie zu finden.

Aus: Friedrich Dessauer, Naturwissenschaftliches Erkennen (Verlag Josef Knecht, Frankfurt a. M., 1960, S. 434)

Friedrich Dessauer
Am 19.07.1881, erblickte der Namenspatron unseres Gymnasiums das Licht der Welt!

Den Vortrag von Frau Schneider können Sie hier herunterladen.


Biographie (Ernst Pfeifer)
Friedrich Dessauer
Röntgenpionier, Philosoph und Politiker


Er war reich und wurde arm, er war berühmt und wurde verfolgt, er hat Großes geleistet und ist an dem gestorben, was ihn groß gemacht hat.

Im November 1895 wurden in Würzburg die Röntgenstrahlen entdeckt. Im Buch der Medizin wurde eine neue Doppelseite aufgeschlagen, eine Seite für neue Möglichkeiten der Diagnose, eine Seite für neue Möglichkeiten der Therapie. Auch aus anderer Sicht kann man von zwei Seiten sprechen: von der segensreichen und von der zerstörenden Kraft der Strahlen. Diese Erfindung hat das Leben und das Sterben des Forschers, Philosophen und Politikers Friedrich Dessauer aus Aschaffenburg bestimmt. Sein Geburtstag jährte sich am 19. Juli 1981 zum hundertsten Male.
Die Nachricht von der Entdeckung des Würzburger Physikprofessors Röntgen stand in der Zeitung und wurde in einer Aschaffenburger Familie besonders ausführlich besprochen. Die Familie lebte in einer Villa in der Goldbacher Straße. Vor allem der technikbegeisterte vierzehnjährige Sohn Friedrich hörte aufmerksam zu. Später hat er in einem Buch die Szene beschrieben.
»Ich erinnere mich noch, wie mein Vater am Mittagstisch (es war eine große Tafel, denn wir waren zehn Kinder) von der Zeitung aufschauend mich anredete und auf die Nachricht von der Entdeckung der unsichtbaren Strahlen hinwies. Er wusste, dass es mich interessierte, denn ich steckte ja jede freie Stunde - und manchmal eigentlich unfreie - zwischen den Maschinen der großen Fabriken oder in meinem Zimmerchen, das ein wenig wie ein kleines physikalisch-technisches Kabinett aussah.«
Die Rede ist von der Familie Dessauer. 1811 hatte der in vielfältigen Geld- und Handelsgeschäften tätige Joseph Alois Dessauer einen vor dem Ruin stehenden Drei-Mann-Betrieb übernommen, in dem Buntpapier für Buchbindereien hergestellt wurde. Daraus entstanden bis 1899 zwei Buntpapierfabriken (Auhof, Goldbacher Straße) und zwei Papierfabriken (Glattbacher Straße. Stockstadt), die das weiße Rohpapier herstellten, das in den Buntpapierfabriken benötigt wird. Als Röntgen in Würzburg seine Strahlen entdeckte, waren die Dessauers längst zur ersten Industriellenfamilie in Aschaffenburg geworden.

Leidenschaft für Maschinen

Philipp, der Enkel von Alois Dessauer, königlicher Commerzienrat, war Generaldirektor der Buntpapierfabrik in der Goldbacher Straße und Generaldirektor der von ihm gegründeten ersten Weißpapierfabrik (Glattbacher Straße, heute PWA). Sein neuntes Kind war Friedrich Dessauer.
Friedrich Dessauer ist oft auf seine Aschaffenburger Kindheit zurückgekommen. Im hohen Alter sprach er davon, daß in seiner Erinnerung immer noch das Haus in der Goldbacher Straße »glänzt«. »Immer unruhig, immer durchzogen von Gästen aus aller Welt, beherrscht von einem strengen, ungemein arbeitsamen Vater und einer immer sorgenden Mutter . . .Von draußen herein rauschten die Maschinen, und die haben es mir in der Jugend schon angetan. Wenn ich einmal nicht aufzufinden war, dann war es leicht, mich trotzdem noch anzutreffen.
Man wußte, er steckt zwischen den Maschinen und bei den Arbeitern. Maschinen und die Männer, die Maschinen regieren - nicht bedienen, wie man gewöhnlich sagt -, die waren meine Leidenschaft in den Knaben- und Jünglingstagen! Und so viele Stunden, die ich eigentlich über Homer und Cicero hätte brüten sollen, dachte ich über Maschinen nach. Sie waren für mich glänzende, in Gliedern sich bewegende, so aus Mathematik entstandene Gestalten, die geschickt schöne Güter für die Menschen herstellten. . .«

Forscher, Philosoph, Politiker

1899 hat Friedrich Dessauer am Aschaffenburger Gymnasium Abitur gemacht. Angeregt durch seine Leidenschaft für das Technische, ist er Forscher geworden. Er hat sein Leben lang nachgedacht und nachdenklich gemacht, und er hat das auf vielen Ebenen getan.
Auf dem Gebiet der Naturwissenschaft zählt Dessauer zu den frühesten und wichtigen Strahlenforschern. Diese Arbeit hat in zwei aufeinanderfolgenden Phasen unterschiedliche Ausformungen gefunden: zwischen 1899 und 1921 hat er einschlägige Apparate konstruiert, produziert und verkauft. Von 1921 bis 1961 hat er seine Kenntnisse als Hochschulprofessor und Buchautor den Fachkollegen, Studenten und der Öffentlichkeit vermittelt.
Mit der Technik beschäftigte er sich, 1906 beginnend, auch philosophisch. Er bemühte sich um ihre Ehrenrettung und um ihre Versöhnung mit der abendländischen Kultur, indem er aus religiöser Sicht Technik deutete als Erfüllung des göttlichen Auftrags, die in der Schöpfung angelegten Möglichkeiten verwendungsfähig zu machen für den helfenden Dienst am Mitmenschen.
Aus dieser Haltung heraus war sein Leben zwischen 1923 und 1933 von einer dritten Ebene überzogen, auf der der Naturwissenschaftler und Philosoph Dessauer Politiker war, Herausgeber einer Tageszeitung und Abgeordneter im deutschen Reichstag. An die Zeit der aktiven politischen Tätigkeit schloss sich bis 1945 eine Zeit an, in der er durch Verfolgung, Verhaftung und Emigration die Reaktion der Nationalsozialisten auf seine weltanschauliche und politische Haltung erleiden musste.
Die Stationen seines Lebens waren Aschaffenburg, Frankfurt, Berlin, Istanbul, Freiburg in der Schweiz und wieder Frankfurt, wo er 1963 gestorben ist. Begraben ist er in Aschaffenburg.

Gymnasiast baut Röntgengeräte

Erfindungen jener Zeit, auch die großen, waren auf gewisse Weise noch einfach, sie ergaben sich oft zufällig für Menschen, die nahe und intensiv genug im Umkreis forschten. Schwieriger als die eigentliche Erfindung war die Erklärung und die praktisch-technische Anwendung. Auch Wilhelm Röntgen hat seine Entdeckung zufällig und nebenbei gemacht. Er hat sie X-Strahlen genannt und hat von Dezember 1895 bis März 1897 drei Veröffentlichungen gebraucht, um ihre wichtigsten Eigenschaften zu erklären.
Um die praktisch-technische Anwendung und die geschäftliche Auswertung seiner Erfindung hat er sich überhaupt nicht gekümmert. Er hat nicht einmal ein Patent angemeldet und hat dadurch anderen von vornherein alle Wege offen gehalten.

Röntgens Erfindung wurde auf unendlich vielen Gebieten und von unzähligen Menschen aufgegriffen, für die Benutzung in der Medizin (auch in der Technik) entwickelt, geändert, spezialisiert und weiter verbessert.
Dessauer war einer von ihnen. Er hat nicht auf allen Zweigen der Röntgenologie gearbeitet, sondern hatte Schwerpunkte. Was er auf einigen seiner Arbeitsgebiete geleistet hat, war für die Zeit bahnbrechend und ist heute noch fundamental. Auch dort stand er nicht allein, sondern hatte Anreger und Helfer, deren er immer in Dankbarkeit gedachte. Anderes ist in der Zwischenzeit auf neuen Wegen und mit neuen Zielen weitergeführt worden.
Dessauer hat vom ersten Augenblick an Forschung und Praxis verbunden. Bald nachdem der Vater die Zeitungsnachricht vorgelesen hatte, bastelte er drei Röntgenapparate und arbeitete damit. Er ging damals noch ins Aschaffenburger Gymnasium.
1899 machte er Abitur, und in diesem Jahr veröffentlichte eine Fachzeitschrift Dessauers, des damals Achtzehnjährigen, ersten Aufsatz zu einem röntgenologischen Thema: »Konstruktion eines neuen einfachen Röntgeninstrumentariums«. Damit begann eine Serie von mehr als 400 Publikationen über physikalische und biologische Grundlagen und medizinisch-technische Anwendungen von Röntgenstrahlen. Als er nach dem Abitur die Technische Hochschule in München bezog, nahm er einen seiner selbstgebauten Röntgenapparate mit.

Vom Ingenieur zum Professor

Bald kam er nach Aschaffenburg zurück und entfaltete eine viel verzweigte Tätigkeit. Er war in dieser Zeit Ingenieur und Unternehmer, konstruierte und baute Röntgenapparaturen und elektromedizinische Geräte und stellte sie in einer eigenen Fabrik her. Gleichzeitig propagierte er mit Vorträgen, Aufsätzen und Büchern die Anwendung von Röntgenstrahlen. Ab 1902 sind Vorträge belegt, die Dessauer, ein Einundzwanzigjähriger wohlgemerkt, vor auswärtigen elektrotechnischen und medizinischen Verbänden hielt.
1902 begannen auch schon Auseinandersetzungen in Fachzeitschriften mit Angriffen, Antworten und Erwiderungen zu Einzelfragen. Um 1910 verlegte er den Schwerpunkt seines Betriebs nach Frankfurt, und Frankfurt wurde auch sein eigener Lebensmittelpunkt. Während des Ersten Weltkriegs setzte er an der Frankfurter Universität sein Studium fort, erwarb den Doktorgrad und wurde 1921 Professor. Gleichzeitig wurde er erster Direktor des »Instituts für physikalische Grundlagen der Medizin«.

Leistungen für die Röntgentechnik

Zur technischen Entwicklung des Einsatzes von Röntgenstrahlen hat sich Dessauer mit dem Problem der Hochspannungsquelle beschäftigt.
Wenn Elektronen in einer luftleeren Glasröhre auf einen Widerstand treffen, entstehen bei der plötzlichen Bremsung Röntgenstrahlen. Röntgenstrahlen sind unsichtbare kurzwellige elektromagnetische Strahlen von hoher Energie. »Kurzwellig« bedeutet: Im Vergleich zu anderen Strahlen, die sich wellenförmig ausbreiten, ist der Abstand zwischen dem Scheitelpunkt der einen und dem Scheitelpunkt der nächstfolgenden Welle sehr kurz.

Röntgenstrahlen durchdringen verschiedene Stoffe verschieden stark: Fleisch stärker als Knochen, deshalb erscheint auf einem mit fluoreszierender Masse bestrichenen Schirm das Schattenbild des Knochens.
Kurzwellige Strahlen werden »hart« genannt, und es besteht zwischen der Härte der Strahlen und der Geschwindigkeit, mit der die Elektronen auf den Widerstand treffen, ein unmittelbarer Zusammenhang: Je höher die Geschwindigkeit der Elektronen ist, desto härter (durchdringender, wirkungsvoller, gefährlicher) sind die Röntgenstrahlen. Besonders harte Röntgenstrahlen haben die Eigenschaft von Gammastrahlen.
Um den Fluß der Elektronen zu beschleunigen und damit die Strahlen härter zu machen, braucht man eine Hochspannungsquelle. Dessauers Doktorarbeit (1917) beschäftigte sich mit diesem Problem: »Über einen neuen Hochspannungstransformator und seine Anwendung zur Erzeugung durchdringungsfähiger Röntgenstrahlen«. Für sein Frankfurter Institut baute Dessauer 1922 unter Verwendung eigener Techniken einen Hochleistungstransformator mit einer Million Volt Strahlenerzeugungsspannung. Zu seinen patentierten Erfindungen gehörte auch ein »Astralschirm« mit einer neuartigen Fluoreszenzmasse.

Ein Film: Das schlagende Herz

Der früheste Anwendungsbereich für Röntgenstrahlen war die Diagnose. Eine frühe Röntgendiagnose machte Dessauer 1900 bei seinem Bruder Hugo, der in Würzburg schwerkrank lag. Dessauer reiste mit seinem Röntgenapparat nach Würzburg, machte am Krankenbett eine Durchleuchtung und die Ärzte diagnostizierten die Krankheit, Krebs. Der Bruder starb, ohne dass ihm Hilfe gegeben, ohne dass ihm die Schmerzen genommen werden konnten. Dieses Erlebnis hat Dessauer tief beeindruckt.
Bald gab es die Möglichkeit, das bei der Durchleuchtung erzielte Bild photographisch festzuhalten. Aber bei Organen, die sich wie das Herz beim Arbeiten rasch verändern, genügt eine Momentaufnahme nicht.
Dessauers wichtigste Leistung auf dem Gebiet der Röntgendiagnostik war die Einführung der Röntgen-Kinematographie. Er konstruierte eine Apparatur, die bei einer Expositions (»Belichtungs«) zeit von einer dreihundertstel Sekunde in raschem Wechsel von einem Herzschlag acht Aufnahmen herstellte, die man wie einen Film ablaufen lassen konnte. Nach demselben Prinzip kann die Aufeinanderfolge der einzelnen Phasen bei Schluck- und Verdauungsbewegungen sichtbar gemacht werden.

Kreuzfeuer der Strahlen

Nach der Jahrhundertwende kam zur Diagnose mit Röntgenstrahlen die Therapie. Beim Experimentieren und Diagnostizieren war festgestellt worden, daß Röntgenstrahlen an der Haut Veränderungen hervorrufen. Man fasste dieses Phänomen zunächst nur positiv auf und verwendete es zur Behandlung von Hautkrebs. Bald entstand die Frage, ob nicht auch tiefliegende Organe mit Röntgenstrahlen heilend beeinflusst werden konnten. Dessauer gehört zu den ersten, die sich dafür eingesetzt haben.
Aber damit die Strahlen tiefer dringen, müssen sie härter sein. Bevor die harten Strahlen in der Tiefe ankommen, hätten sie an der Hautoberfläche Schädigungen verursacht. Dessauers Bemühungen um dieses Problem wurden ab 1904 erkennbar. Er fand die Bedingungen und die technischen Möglichkeiten der »Kreuzfeuermethode«: das Ziel
wird mit gleichartigen Strahlen von verschiedenen Seiten, also mit verteilter Dosis, anvisiert. Die erwünschte Kraft tritt erst an dem gewünschten Punkt auf, die Dosis ist dort stärker als an jedem anderen Punkt des Körpers.
Nachdem zunächst die Möglichkeit, tiefliegende Tumore zu bestrahlen, pessimistisch beurteilt worden war, brachte ein 1908 in Frankfurt gehaltener Vortrag Dessauers den Wendepunkt in der Entwicklung der Strahlen-Tiefentherapie des Krebses. Heute gilt Dessauer als der »Begründer der Röntgen-Tiefentherapie«.
Dessauer arbeitete mit Paul Ehrlich zusammen, der in Frankfurt lebte und 1910 das Syphilis-Heilmittel Salvarsan entwickelt hatte. In Ehrlichs Institut machte Dessauer die erste größere Studie über die Wirkung von Röntgenstrahlen auf Mäusekarzinome.
Eine andere Neuerung brachte die von Dessauer 1913 entwickelte Spezialröhre für Oberflächen-Kontaktbestrahlung. Bei ihr war der Widerstand, an dem Röntgenstrahlen entstehen, ein Teil der Wand der Röhre, und die Strahlenquelle konnte unmittelbar aufgelegt werden.


Partnerschaft mit Wiesner

In dieser Zeit hatte Dessauer in dem Arzt Dr. Bernhard Wiesner einen wertvollen Partner. Wiesner, 1864 in Würzburg geboren, hatte sich in Aschaffenburg niedergelassen, war Hausarzt der Familie Dessauer, hatte Friedrichs Schwester Elisabeth kennengelernt und 1900 geheiratet. 1901 kaufte das Ehepaar die großbürgerliche Villa in der Frohsinnstraße 16. Aus dieser Ehe ist die frühere Aschaffenburger Landtagsabgeordnete Marielies Schleicher hervorgegangen, eine ihrer Töchter ist die Abgeordnete im Europa-Parlament Ursula Schleicher.
Wiesner war Mitherausgeber des »Archivs für praktische Medizin und medizinische Technik«. Auch er hatte sich früh mit Röntgens Erfindung beschäftigt und hatte darüber publiziert. Sein erster einschlägiger Artikel war 1899 in der »Münchner Medizinischen Wochenschrift« erschienen: »Ein neues Röntgeninstrumentarium«.
Aus der Bekanntschaft und späteren Verwandtschaft zwischen Dessauer und Wiesner entwickelte sich eine fruchtbare Zusammenarbeit. Dessauer war Konstrukteur und Fabrikant, Wiesner der Mann der praktischen Anwendung, der aber auch mit einzelnen konstruktiven Neuerungen hervortrat. Aus vielen Teilen des Reichs kamen Tumorpatienten zu Wiesner und wurden bestrahlt.
Aber gegenüber einem Teil der etablierten Wissenschaft mussten Dessauer und Wiesner als Vorkämpfer ihrer Sache auftreten. Die Verwendung von Röntgenstrahlen in der Medizin war nicht nur neu und unbekannt, es gab auch Gegner. Manchmal wurde Dessauer der Hörsaal für einen Vortrag verweigert mit der Begründung, Röntgenstrahlen seien für die Medizin wertlos.
Aschaffenburger Röntgenkurse
Die Zusammenarbeit zwischen Dessauer und Wiesner bestand auch auf publizistischem Gebiet. 1903 erschien als Gemeinschaftsarbeit Dessauer/Wiesner das erste Buch »Leitfaden des Röntgen Verfahrens«. Elf Wochen später kam die zweite, 1916 die fünfte Auflage. 1904 verfaßten Dessauer/Wiesner ein »Kompendium der Röntgenographie«.

1905 konnte Dessauer einen Teil seiner bis dahin erschienenen Einzelaufsätze als Band 1 eines »Röntgenologischen Hilfsbuchs« gesammelt herausgeben. Es ist das erste Buch, mit dem Dessauer als Einzelverfasser auftrat (siehe Abbildungen »Röntgenapparatur nach der Jahrhundertwende« und »Gerät zum Durchleuchten«). In dem Ende 1904 in Aschaffenburg verfassten Vorwort widmete er es den Teilnehmern seiner »Aschaffenburger Kurse«. Diese »Röntgenkurse für Ärzte, mit praktischen Übungen« hatten im Aschaffenburger Hotel »Adler« (Strickergasse, nicht mehr vorhanden) stattgefunden und waren von Dessauer und Wiesner gemeinsam veranstaltet worden. Sie begannen kurz nach der Jahrhundertwende und wurden vor dem Ersten Weltkrieg eingestellt. Teilnehmer waren deutsche und österreichische Ärzte und Professoren, die das neue Verfahren kennen lernen wollten. Die Veranstaltungen dauerten jeweils mehrere Tage.
So vage und im Detail ungenau die Nachrichten sind, die darüber vorliegen, so wichtig ist die Tatsache: Aschaffenburg kann aus jener Zeit nicht nur darauf verweisen, Deutschlands erste »Autolenkerschule« (in der Dalbergerstraße, 1904 gegründet) gehabt zu haben.
Es gehört zum überhaupt noch nicht wahrgenommenen Ruhm der Stadt, wenige Jahre nach Entdeckung der Röntgenstrahlen ein Zentrum für strahlenheilkundliche Forschung, praktische Anwendung und Schulung gewesen zu sein, möglicherweise das erste der Welt, mit Sicherheit aber (Vergleichsdaten aus anderen Orten sind derzeit nicht zur Hand) eines der ersten.

Bankier stiftet Röntgenapparatur

Die enge Zusammenarbeit zwischen Dessauer und Wiesner dauerte etwa bis zum Ersten Weltkrieg. Wiesner hatte in seiner Praxis die erste Röntgenapparatur in Aschaffenburg. Im Adressbuch von 1914 konnte er als einziger von 21 Aschaffenburger Ärzten seinem Praxiseintrag den Zusatz »Röntgeninstitut« hinzufügen. 1915 bekam Aschaffenburg die zweite Röntgeneinrichtung. Sie war von dem jüdischen Bankier Wolfsthal für das Krankenhaus gestiftet und zunächst im Lazarett verwendet worden.
Bis Anfang der dreißiger Jahre blieb Wiesner der einzige praktizierende Arzt, der über eine Röntgenapparatur verfügte. Zu dieser Zeit war in der Allgemeinpraxis die Diagnose das Hauptgebiet der Anwendung von Röntgenstrahlen geworden. Wiesners Gerät wurde von Patienten aus dem weiten Umkreis in Anspruch genommen. Regelmäßig kamen Patienten der Lohrer Lungenheilstätten mit ihren Ärzten nach Aschaffenburg.
1931 installierte Dr. Werner Jacobi als zweiter niedergelassener Arzt in Aschaffenburg eine Röntgenanlage.
Seit 1920 hatte sich gezeigt, daß Wiesner den höchsten Preis für seinen Einsatz als Pionier einer in allen Seiten noch nicht genau erforschten medizinischen Technik zahlen mußte. Verbrennungserscheinungen an der Hand machten sich bemerkbar, die typischerweise von der rechten Hand ihren Ausgang nahmen, mit der die Feineinstellung der Geräte reguliert wurde. 1934 mußte ein Finger amputiert werden. 1937 starb Wiesner, inzwischen Geheimer Sanitätsrat geworden, an den Spätfolgen von Röntgenverbrennungen.

Die Röntgengerätefabrik

Was Aschaffenburg als frühes Röntgenzentrum so wichtig macht, war, dass hier nicht nur die Strahlen erforscht und die Erfahrungen, die bei ihrer praktischen Anwendung
gemacht wurden, weitergegeben worden sind. Es kam hinzu, dass Dessauer in Aschaffenburg auch eine Fabrik unterhielt, in der Röntgengeräte hergestellt wurden.
Der Anfang war in der Betgasse 11. Noch als Dessauer die Abiturklasse des Aschaffenburger Gymnasiums besuchte, richtete er dort mit dem Handwerksmeister Hermann Kutzschbach, den er als Betriebselektriker der väterlichen Buntpapierfabrik kannte, eine kleine Werkstatt ein. In der Marienstraße 12 (heute: Lange Straße) ließ er sich von einem Glasbläser, den er eigens für diesen Zweck angestellt hatte, Röntgenröhren herstellen.
Später entstand in der Hanauer Straße 22 ein ansehnlicher Betrieb, der sich »Elektrotechnisches Laboratorium Aschaffenburg« nannte. Das Gründungsjahr ist unbekannt, aus einer Schrift Dessauers geht hervor, dass das »Laboratorium« 1901 schon bestanden hat. Spätestens seit 1902 war es mit einem kleinen Verlag verbunden, der einschlägige Schriften herausgab. Ab 1902 erschienen in Fachzeitschriften auch Besprechungen über die in Aschaffenburg hergestellten »Röntgenapparate System Dessauer«. In einer Zeit, die sich nicht genau feststellen lässt, wurde die Produktion nach Frankfurt-Bockenheim verlegt, und in Aschaffenburg blieb die Verwaltung. In dieser neuen Konstruktion hieß der Betrieb VEIFA (Vereinigte Elektrotechnische Institute Frankfurt-Aschaffenburg).

Arbeiter kennen die Bilanzen

Die VEIFA stellten Röntgenapparate und elektro-medizinische Apparate aller Art her. Im Aschaffenburger Adressbuch von 1907 sind sie eingetragen mit dem Zusatz »Direktor Friedrich Dessauer, Prokuristen Oskar Götze, Philipp Bormann«. Im Adressbuch von 1914 stehen die »Vereinigte Elektrotechnische Institute Frankfurt-Aschaffenburg (VEIFA-Werke), Frankfurt« als Besitzer des Hauses Hanauer Straße 22.
Der Erste Weltkrieg brachte Höchstbeschäftigung, unter anderem wurden Sanitätsautos mit fahrbaren Röntgenapparaturen für Lazarette produziert. 1920 war Dessauer Vorsitzender des Aufsichtsrats. Die Firma beschäftigte zuletzt 400 Menschen und ging in den zwanziger Jahren über einen Zwischenbesitzer an Siemens. Die entscheidenden Mitarbeiter sind aus Aschaffenburg über Frankfurt den Weg zu Siemens mitgegangen.
Dessauer hat einmal erklärt, er habe die Fabrik gegründet, um Geld für seine Experimente und Forschungen zu bekommen. »Aber das Geschäftliche interessierte mich immer weniger als das Technische und das Wissenschaftliche«. Als das Unternehmen florierte, »wurden die Mittel, die aus dem Ertrag der Fabrik kamen, oft im Einverständnis mit meinen Gesellschaftern, manchmal auch in gewissem Streit mit ihnen, ausgenutzt, um weitere Forschungen zu machen.« In dem Betrieb gab es die Regelung, dass eine Arbeitervertretung Einblick in die Bilanzen nehmen konnte.

Professor und Institutsdirektor

Die Jahre des Ersten Weltkriegs waren in Dessauers naturwissenschaftlicher Tätigkeit eine Zeit der Überleitung. Er verließ die technisch-praktische Seite und widmete sich der Grundlagenforschung. Aus dem Techniker wurde ein Strahlenbiologe, der der Frage nachging, welches die Mechanismen seien, aufgrund derer die Strahlen in der Zelle wirken. Zu dieser Fragestellung mag beigetragen haben, daß er wie Wiesner zu dieser Zeit schon die Auswirkungen der Strahlen am eigenen Körper gespürt hat (siehe Abbildung »Friedrich Dessauer Porträtaufnahme«).

1917 nahm Dessauer in Frankfurt sein Studium wieder auf und promovierte im selben Jahr als Sechsunddreißigjähriger zum Doktor der Naturwissenschaften. 1921 wurde er an der Naturwissenschaftlichen Fakultät in Frankfurt Honorarprofessor. 1922 Ordentlicher Professor für physikalische Grundlagen der Medizin. Frankfurter wohlhabende Bürger stifteten 1921, Kapitalismus hat auch erfreuliche Seiten, Geld für die Errichtung eines Instituts, in dem Dessauer auf seinem Gebiet lehren und forschen konnte.
Professuren und Institute dieser Art waren damals neu, weil sie nicht in das klassische Fächerschema passten, sondern Grenz- und Überschneidungsbereiche mehrerer Fakultäten, in diesem Fall von Medizin, Biologie und Physik, zu einer neuen Wissenschaft zusammenfügten. Dessauers neues Reich hieß »Institut für physikalische Grundlagen der Medizin« und war das erste dieser Art in der Welt. Es wurde 1937 in die Reihe der Kaiser-Wilhelm-Institute eingereiht und lebt heute in Frankfurt als Max-Planck-Institut für Biophysik weiter. Biophysik ist eine Wissenschaft, die es vor Dessauer überhaupt nicht gegeben hat.

Die Quantenbiologie

Das Institut wurde eine der führenden radiologischen Ausbildungsstätten von internationaler Geltung. Wie vor 20 Jahren die Ärzte nach Aschaffenburg gekommen waren, um bei Dessauer und Wiesner die praktische Anwendung der Röntgenstrahlen zu lernen, so kamen jetzt Röntgenologen aus aller Welt nach Frankfurt und informierten sich über neue Forschungsergebnisse. Dessauer war sehr glücklich: »Ich konnte nun allen Tagesdienst, alles, was mit Erwerb und Wirtschaftskampf zu tun hatte, beiseite legen und mich ganz der Forschung widmen.« In der folgenden Zeit gab er auch die Fabrik aus der Hand.
Für die Erklärung der Art, wie Strahlen in der Zelle wirken, entwickelte Dessauer eine »Treffertheorie«. Sie definiert die Gesetzmäßigkeit des Vorgangs, bei dem durch das Auftreffen von Strahlen im genetischen Material der Zellen kleinstphysikalische Elementarprozesse ausgelöst werden, die über chemische Reaktionen zu Veränderungen führen. Dessauer brachte dann die Plancksche Entdeckung von der Quantenhaftigkeit der Lichtenergie in die biologische Betrachtung ein und formulierte daraus seine »Quantenbiologie« (1954). Eines der Kapitel lautet »Quantenbiologie in der Genetik« und beschäftigt sich mit Keimschädigungen, die durch Strahlung hervorgerufen werden.

Der Philosoph

Forschung und Geld waren für Dessauer nicht Selbstzweck, sondern er sah sie eingefügt in eine religiöse und philosophische Schau der Welt. Um es so einfach wie möglich zu sagen: Dessauer war ein frommer Mann. Die Familie Dessauer lebte, seitdem ihr Ahnherr Aaron Baruch 1805 seinen Namen abgelegt und bei der katholischen Taufe in der Aschaffenburger Agathakirche den Namen Joseph Alois empfangen hatte, eine humanistisch ausgerichtete, tolerante Katholizität. Sie hat zahlreiche Theologen hervorgebracht.
Von dieser Gesinnung war auch Friedrich Dessauer geprägt. Aus der Zeit, in der er in der Aschaffenburger Betgasse seine erste kleine Werkstatt hatte, berichtete er: »Wie oft habe ich in der Sandkirche gekniet, allein in der Dämmerung morgens früh oder abends spät, und meine Sorgen vor dem Altar ausgebreitet«.

Den gläubigen Naturwissenschaftler musste das Galilei-Problem berühren, die lange Zeit bestehende Erbfeindschaft zwischen Religion und Naturwissenschaft. Er mag sich auch gefragt haben, ob Technik wirklich so inhuman, so kulturfeindlich und geistarm sei, wie es die Zeit, in der er großgeworden ist, naserümpfend angenommen hat. Aus seiner Jugend erinnerte er sie, dass es »damals noch nicht sehr angesehen war, wenn man Techniker wurde. Die humanistisch-traditionelle Kulturform hatte auch gesellschaftlich einen unbestritten viel höheren Rang«.

An den Bruder Unbekannt

Für sein persönliches Leben fand er rasch eine Antwort. Den Sinn seiner Tätigkeit als Naturwissenschaftler und Techniker sah er darin, »helfende Dinge zu gestalten aus dem Wissen der Natur, aus den Möglichkeiten des Kosmos, und an irgendeinen Bruder Unbekannt zu reichen, der nichts von mir weiß, dem ich aber dann zu einer Stunde der Not oder Freude die Hand ausstrecke« (alle Zitate aus der Rede anlässlich der Verleihung der Ehrenbürgerurkunde im Aschaffenburger Stadttheater).
Aber er wollte auch andere an diesen Fragen teilnehmen lassen, wollte harmonisierend wirken, gültige Formeln anbieten und vielleicht auch in dieser Beziehung eine helfende Hand ausstrecken zu einem »Bruder Unbekannt«, der unter derselben Not litt. Die Beschäftigung damit zog sich über sein ganzes Leben hin und ließ ein umfangreiches philosophisches Werk entstehen. In einer Gruppe von Essays, die in der Zeitschrift »Hochland« veröffentlicht wurden, wurde 1906 zum ersten Mal der Gedanke ausgesprochen, dass Technik ein Bestandteil abendländischer Kultur ist.
Das erste Buch, das er über ein nicht fachwissenschaftliches Thema schrieb, hatte den programmatischen Titel »Leben, Natur, Religion« (1924). Sein Bestreben, Geist und Technik zu versöhnen, fand 1926 einen ersten Höhepunkt in der »Philosophie der Technik«, die er in den drei folgenden Jahrzehnten zu seinem bekanntesten Werk »Streit um die Technik« (1956) erweiterte: Anders als Baum und Stein sind Maschinen, Apparate, Erfindungen keine Hervorbringungen der Natur, sondern sie entstehen aus der Vermählung des menschlichen Geistes mit der Naturordnung.

Versöhnung mit der Kirche

Dessauer hat mehrere biographische Werke verfaßt, und nicht zufällig heißt eines von ihnen »Galilei und wir« (1943). Eine andere. »Weltfahrt der Erkenntnis« (1945), beschäftigt sich mit Isaac Newton, in dem er exaktes naturwissenschaftliches Denken und tiefe Frömmigkeit vereint sah.
Sein ganz persönliches Galilei-Erlebnis hatte er, als ihm, dem forschenden und der Erkenntnis verpflichteten Naturwissenschaftler, 1952 in Würzburg die theologische Ehrendoktorwürde verliehen wurde. Damals sagte der katholische Fakultätsdekan, dass die Kirche die Beweiskraft des naturwissenschaftlichen Experiments nicht mehr grundsätzlich anfechten werde. 1958 sprach Dessauer in »Naturwissenschaftliches Erkennen« so etwas wie eine Friedensformel aus: Die Zone menschlichen Erkennens ist dynamisch, niemals endgültig begrenzt, aber in der Erfüllung auch niemals echt unendlich.
Beim Urproblem zwischen dem Menschlichen und dem Göttlichen, dem Einfluss auf Gut und Böse, gab er dem Willen höheren Rang als dem Wissen: Im Willensakt, im Leben und Wandeln, lässt sich die Macht des Bösen ändern und die Macht des Guten stärken.

Die Lösung liegt im willentlichen Handeln, nicht in einem letzten Wissen (»Prometheus und die Weltübel«, 1959). Bei allem Idealismus fehlte nicht die realistische und freilich resignierende Einsicht in die menschliche Natur. Selbst die Furcht war ihm willkommen als Partner im Kampf um den Frieden. Die Atombombe, schrieb er in »Streit um die Technik«, gibt den Menschen zum ersten Mal die auf nüchterner Wirklichkeit begründete Chance, den Frieden zu erhalten, da kein Volk sich selbst vernichten will. Was die Ideale, zu denen sich alle bekennen, nicht fertig brachten, die Welt in Frieden zu halten, kann gelingen, wenn sich zu ihnen als starker, düsterer Partner die Furcht gesellt.
Ein im Glauben unerschütterlicher Optimismus sprach am Ende seines Lebens aus ihm: »Groß waren die Zusammenbrüche, aber größer und wichtiger sind die Auferstehungen aus ihnen. Der Mensch ist offen für den Geist, und der Geist ist stärker als seine Widersacher.«

Politiker, Zeitungsherausgeber

1921 war Dessauer 40 Jahre alt, der Weg von Aschaffenburg nach Frankfurt war für ihn der Weg vom Ingenieur und Fabrikanten zum Hochschulprofessor und Direktor eines Forschungsinstituts gewesen. Ein Lebensweg schien sein Ziel erreicht zu haben, jenen hochgelegenen Punkt, von dem ab die weiteren Jahre ruhig, gleichmäßig und geradlinig durchlaufen werden können.
Nichts von Ruhe. Dessauer blieb, was er war, aber er wurde noch Politiker und Zeitungsherausgeber. Ein erstes öffentliches Amt hatte er unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkriegs übernommen. Damals war auch in Frankfurt ein Arbeiter- und Soldatenrat gegründet worden, und die Frankfurter stellten quasi als Gegenregierung einen »Bürgerrat« auf. Seine Leitung wurde Dessauer übertragen, weil man den Eindruck hatte, er käme mit den Arbeitern am besten zurecht.
Anschließend wurde er Stadtverordneter in Frankfurt und ab 1924 Abgeordneter des Deutschen Reichstags. In die Politik war er gegangen, weil er in der Verwirrung und Ratlosigkeit der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg »eine gewisse Mitschuld des Bürgertums« erkannt hatte. Seine Partei war das katholische Zentrum, weil sie eine Weltanschauungspartei war.

Wahlredner Dessauer

Staunen drängt sich auf über das Arbeitspensum, das dieser Mann, zwischen Naturwissenschaft, Philosophie und Reichstagspolitik pendelnd, bewältigt hat. Die Vielseitigkeit lässt sich auf einem vierten Gebiet, dem Verfassen von Büchern, ablesen. Es erschienen: »Leben, Natur, Religion« (1924), »Lehrbuch der Strahlentherapie« (1925), »Philosophie der Technik« (1926), »Die Versuchung des Priesters Anton Berg«, ein Anti-Kriegsroman unter dem Pseudonym Jakob Stab (1929), »Kooperative Wirtschaft« (1929), »Im Kampf um die Wirtschaftskrise« (1931). »Zehn Jahre Forschung auf dem physikalischmedizinischen Grenzgebiet« (1931), »Das Zentrum« (1931).
Dessauers Tätigkeit als Politiker gehört zu den wenig bekannten Seiten dieses Mannes. Er war nicht etwa ein Schmuckstück, eine Gallionsfigur oder der reiche Parteifreund, von dem man ab und an eine großzügige Bewegung in Richtung Parteikasse erwarten konnte. Dessauer hat vielmehr seine politische Funktion ernst genommen und war sich nicht zu schade, in Frankfurt und auch in Aschaffenburg auf abendlichen Partei- und Wahlversammlungen zu sprechen.

Als der Dreiundvierzigjährige 1924 zum ersten Mal in den Reichstag gewählt wurde, war er der Vertrauensmann der Zentrumsjugend, ab 1928 war er wirtschaftspolitischer Sprecher der Zentrumsfraktion und Berater von Reichskanzler Heinrich Brüning. In Berlin unterhielt er auf eigene Kosten ein Büro.

»Rhein-Mainische Volkszeitung«

Das Buch »Kooperative Wirtschaft« war sein Beitrag zur Wirtschaftspolitik. Er forderte eine Art partnerschaftlicher Gleichberechtigung zwischen Kapital und Arbeit und wurde von ernsthaften Leuten ernst genommen. In der sich immer mehr verschärfenden Weltwirtschaftskrise, in der nach sofort wirkenden Patentrezepten eifriger gesucht wurde als nach geduldig vorgetragenen Dauerlösungen, blieb das Buch in der Breite ohne Wirkung. Im März 1933, nach der »Machtergreifung« der Nationalsozialisten, war Dessauer einer der wenigen Zentrumsabgeordneten, die in einer internen Probeabstimmung der Fraktion gegen Hitlers Ermächtigungsgesetz stimmten.
Dessauer hatte in der Politik keine Hausmacht, und er hat auch keine persönliche Machtstellung angestrebt. Aber ein gewichtiges Instrument stand ihm mit der »Rhein-Mainischen Volkszeitung« zur Verfügung, deren Mitherausgeber er seit 1923 war.
Die Zeitung war ihm zugefallen, als die in der Frankfurter Carolus-Druckerei-GmbH erscheinende »Frankfurter Volkszeitung«, ein Zentrumsblatt, in Geldschwierigkeiten war. Dessauer war um Hilfe gebeten worden, hatte finanzielle Unterstützung für den Verlag gesucht und mit einem Teil seines Vermögens Geschäftsanteile der Carolus-Druckerei gekauft. 1923 wurde die »Frankfurter Volkszeitung« in »Rhein-Mainische Volkszeitung (Untertitel: Unabhängige Katholische Tageszeitung)« umgewandelt. Die Zeitung erschien mit zwei Frankfurter Lokalausgaben und einer Reichsausgabe.

Das Programm der Zeitung

Das war ein Blatt eigenen Typs. Es hieß »Volkszeitung« und war von hohem intellektuellem Anspruch, es war katholisch und so wenig linienfromm, dass ihm ein theologischer Aufpasser beigeordnet wurde, es stand dem Zentrum nahe und setzte sich für Koalitionen mit der SPD ein, es wurde von einem wohlhabenden Mann getragen und philosophierte über sozialistische Gedanken.
Die »Rhein-Mainische Volkszeitung« hätte das Zentrum, dessen linker Flügel um Reichskanzler Dr. Josef Wirth ihr näher stand als der rechte, lieber als allgemeine politische Partei denn als katholische Interessenvertretung gesehen. Sie war für die Integration der Arbeiterschaft in den Staat und für Verständigung zwischen Katholizismus und demokratischem Sozialismus. Sie sprach sich für die Enteignung der Fürsten aus und sah sogar im Faschismus eine »Agentur des Großkapitals«. Vor allem war sie eine pazifistische Zeitung, gegen die Finanzierung von Panzerkreuzern hat sie heftig opponiert.

»Geistige Starre gelöst«

Zum Kreis um die »Rhein-Mainische Volkszeitung« gehörte der berühmte katholische Sozialwissenschaftler Professor Oswald von Nell-Breuning. In einem Buch (von Bruno Lowitsch, Verlag Franz Steiner und Josef Knecht) charakterisierte Nell-Breuning die Zeitung so: »Die jungen Leute, die den Redaktionsstab bildeten, hatten einen letzten festen Stand; das war einmal ihre tiefe religiöse Überzeugung, zum anderen ihr eben darin verwurzeltes, hochentwickeltes soziales Verantwortungsbewusstsein. Gerade das letzte drängte sie zu bohrenden Fragen, wo andere nur eine >heile Welt< sahen. Ein Wunder wäre es gewesen, wenn die Antworten, die sie auf ihre Fragen zu geben versuchten, gleich auf den ersten Anhieb den Nagel auf den Kopf getroffen hätten.
Aber sie haben die geistige Starre gelöst, haben Denkprozesse in Gang gebracht, die schließlich auch zu klaren Aussagen und zu brauchbaren praktischen Ergebnissen führten; sie haben zum mindesten einen ansehnlichen Teil des deutschen Katholizismus aus dem überkommenen >Milieu< geistiger Kleinbürgerlichkeit herausgeführt; das ist ihr bleibendes Verdienst.«
Wer bei dieser Schilderung an eine Mischung zwischen »Publik« und »Frankfurter Hefte« denkt, hat so unrecht nicht. Jüngster und meistgescholtener Redakteur war Walter Dirks, der auch zu dem Kreis um Romano Guardini gehörte, der auf der Quickborn-Burg Rothenfels bei Lohr die katholische Reformbewegung angetrieben hat. Von der Abstammung her kam neben Dessauer noch ein zweiter Mann aus unserem Gebiet: Dr. Josef Knecht, ein Angehöriger der Mühlenbesitzerfamilie Knecht aus Eisenbach bei Obernburg. Er war 1921 durch eine Empfehlung des Berliner Studentenpfarrers Carl Sonnenschein Dessauers Privatsekretär geworden und wurde Geschäftsführer der Zeitung.
Wenn Nell-Breuning von den »jungen Leuten« im Redaktionsstab sprach, so war das wörtlich gemeint: Kulturschriftleiter Dirks war 22. Chefredakteur Dr. Heinrich Scharp 24, Knecht 26 Jahre alt.
Dessauers Zeitung gehörte nicht zur Weltpresse. Die höchste Auflage betrug 25 000. Frankfurt, wo die Katholiken in der Diaspora lebten, war kein besonders guter Nährboden. Von der Amtskirche wurde sie mehr toleriert als geliebt, von den großen Massenorganisationen als Spielwiese für Intellektuelle abgetan.

Verhaftung und Prozeß

Uneingeschränkt ernst genommen wurden Dessauer und seine Zeitung von den Nationalsozialisten. Sie taten alles, um ihn zu vernichten und die Zeitung in die Hand zu bekommen. Am 3. Juli 1933 verhafteten sie Dessauer, Knecht, Scharp und Dirks. Dessauer blieb bis zum 24. Dezember im Gefängnis, er und Knecht wurden in einem Strafprozess vor Gericht gestellt. Die Verhandlung dauerte 19 Tage und fand in Mönchengladbach statt.
Hintergrund des Prozesses waren wirtschaftliche Verflechtungen, die zwischen Dessauer, der Carolus-Druckereigesellschaft und dem »Volksverein für das katholische Deutschland« bestanden. Wichtiger als der recht verwickelte Prozessstoff ist die Tatsache, daß die Nationalsozialisten mit dem Prozeß das katholische Verbandswesen, den Politiker Dessauer und seine Zeitung treffen wollten.
Der »Volksverein für das katholische Deutschland« war der größte katholische Laienverband in Deutschland, doch er hatte nach dem Ersten Weltkrieg seinen Höhepunkt überschritten und geriet auch wirtschaftlich in unsicheres Fahrwasser. Sein Generalsekretär Dr. Wilhelm Hohn hatte Dessauer 1923 den Vorschlag gemacht, die »Rhein-Mainische Volkszeitung« enger an den Volksverein zu binden, um dem Blatt auch nach Dessauers Tod Beständigkeit zu geben. Dessauer hatte eingewilligt und einen Teil seiner Geschäftsanteile dem Volksverein verkauft.

Der Volksverein hatte mit Aktien bezahlt, von denen sich herausstellte, dass sie wertlos waren. 1928, als der Verein in finanzielle Bedrängnis geriet und sich abzeichnete, dass es keine Rettung gab (1929 Vergleichsverfahren, 1932 Konkurs), kaufte Dessauer seine Anteile zurück. Der Staatsanwalt behauptete, dies sei zu einem unvertretbar niedrigen Preis geschehen. Die Anklage lautete gegen Generalsekretär Hohn auf Handlungen zum Nachteil des Volksvereins, gegen Dessauer auf Anstiftung und gegen Knecht auf Beihilfe.
Hohn war ins Ausland geflohen, verhandelt wurde gegen Dessauer und Knecht. Der Prozess endete mit Freispruch und Ehrenerklärung für die Angeklagten. Trotzdem ruhte die Verfolgung nicht. Roland Freisler, seit 1933 Leiter der Personalabteilung im Preußischen Justizministerium und später Präsident des berüchtigten Volksgerichtshofs, eiferte in einem Zeitschriftenartikel: die »Volksseele« und die »Geschichte« hätten die Angeklagten verurteilt, aber das Gericht hätte sich über das Volk erhoben. Dessauer durfte nicht mehr in die Universität zurückkehren, sein Vermögen wurde beschlagnahmt.
Im Februar 1934 belagerte ein Mob von 100 Personen sein Haus, warf die Fenster ein und machte sich daran, mit Eisenrohren die Türen aufzubrechen. Die von Dessauer herbeigerufene Polizei kam - und nahm Dessauer in »Schutzhaft«.

Verarmt in die Emigration

Im August 1934 verließ die Familie Dessauer Frankfurt und emigrierte in die Türkei. Dessauer wurde ausgebürgert, sein Haus beschlagnahmt. Der wohlhabende und angesehene, in seinen Kreisen sogar berühmte Mann war mittellos geworden und stand vor dem Nichts.
Die »Rhein-Mainische Volkszeitung« wurde zwangsweise in ein Blatt umgewandelt, das die Katholiken so lange dem Nationalsozialismus entgegenführte, bis es wegen Abonnentenschwund einging. Geschäftsführer Dr. Josef Knecht war entlassen worden. Er schloss sich dem Herder-Verlag in Freiburg an, war später dessen Direktor, bekam nach 1945 einen Besitzanteil an der Frankfurter Carolus-Druckerei und hatte außerdem in Frankfurt einen eigenen Verlag.
Walter Dirks überlebte das »Dritte Reich« als Feuilletonredakteur der »Frankfurter Zeitung«. Nach 1945 war er Mitgründer der »Frankfurter Hefte« und entfaltete ein reiches schriftstellerisches Schaffen im Überschneidungsbereich von Religion und Politik. Sein bekanntestes Buch ist »Die Antwort der Mönche«. Er wird heute gern als »Links-Katholik« etikettiert, lebt 82jährig bei Freiburg und erhielt die Romano-Guardini-Medaille.
Dessauer war nach seiner Emigration von 1934 bis 1937 in Istanbul Professor für Radiologie und Biophysik. 1937 ging er in die Schweiz als Ordinarius für Experimentalphysik und Direktor des Physikalischen Instituts in Freiburg. Den Freiburger Lehrstuhl behielt er bis 1953. Ab 1949 lebte er in Frankfurt, wo er wieder in seine Professur eingesetzt wurde. 1961 zog er sich endgültig zurück.

»Wie eine Musik der Tiefe«

In den letzten Jahren seines Lebens häuften sich Dank und Ehrungen. Er erhielt nicht nur die Würde eines Ehrendoktors der Theologie, sondern auch der Medizin und der Ingenieurwissenschaften. Das Röntgenmuseum in Röntgens Geburtsstadt Lennep verlieh die Röntgenplakette, die Stadt Frankfurt die Goetheplakette. Er war Ehrenbürger von Frankfurt und Aschaffenburg und Träger des Bundesverdienstkreuzes mit Stern und Schulterband. Als er 1963 in Aschaffenburg beigesetzt wurde, ließ Bundespräsident Heinrich Lübke einen Kranz niederlegen »Zum Abschied von dem universalen Geist und dem liebenswerten Menschen«.
In all den Jahren hat Dessauer seine Heimat nicht vergessen. Als er 1957 die Ehrenbürgerschaft seiner Geburtsstadt entgegennahm, sprach er es aus: »Dann rauscht in meinem Gedächtnis der Spessart mit seinen großen Wäldern, wo sich die Bäume Tag und Nacht im Strom der Winde Geschichten erzählen. Und wo in den grünen Tälern emsige Bäche tröstend und wie duftkühlend dahingleiten. Mein Vater hatte die Gewohnheit, uns Kinder alle Sonntage mit in den Spessart zu nehmen. Da wurde angespannt, hinausgefahren und dann wurden stundenweite Wege gemacht. Und was man so in der Jugend aufnimmt, das bleibt. In allen Jahren, in allen Monaten, ja schier in allen Nächten meiner Pilgerfahrt rauschte der Spessartwald in meinem Gedächtnis, in meinem Gemüt wie eine Musik der Tiefe«.

Zu den Bildern:

Bereits beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges hatte Dessauer zwölf Operationen hinter sich. Er war deshalb nicht kriegsverwendungsfähig. Seine Lebenserwartung bezifferte Dessauer 1920 auf sechzig Jahre. Es wurde ihm ein längeres Leben geschenkt, doch musste es mit einer zunehmenden Zahl von Operationen bezahlt werden. Sogar im Gefängnis, in das ihn die Nationalsozialisten geworfen hatte, wurde er operiert. Insgesamt wurden 150mal an jeweils kleinen Hautstellen Verbrennungsschäden behandelt, mehr als lOOmal durch Transplantationen. Sie gaben seinem Gesicht einen Anschein von Maskenhaftigkeit. Ab 1958 war Dessauer ans Bett gefesselt. 1962 musste der Mittelfinger der rechten Hand abgenommen werden. Sein Leben war ein einziges schmerzhaftes Leiden geworden.


Die Universalblende nach Dr. Wiesner, mit deren Hilfe man jene Körperteile radiographisch aufnehmen konnte, die nicht komprimierbar sind. Dr. Wiesner hatte zusammen mit seinem Schwager Friedrich Dessauer Aschaffenburg zwischen 1900 und 1910 zu einem Zentrum für Forschung, Herstellung und Lehre der damals neuartigen Röntgentechnik gemacht. (Abbildung S. 64 in Dessauers »Röntgenologischem Hilfsbuch« von 1905).



Röntgenapparatur nach der Jahrhundertwende, veröffentlicht in dem 1905 erschienenen »Röntgenologischen Hilfsbuch« von Friedrich Dessauer. Das Gerät hatte eine Besonderheit, die den Umstand korrigieren sollte, dass die durchleuchteten Organe als Zentralprojektion vergrößert auf dem Leuchtschirm erschienen. Auf dem hier gezeigten Gerät war die Röhre mit einem Bleistift verbunden. Auf den Durchleuchtschirm wurde Pauspapier gespannt. Infolge der Synchronschaltung von Röhre und Bleistift konnte derjenige Strahl, der in Parallelprojektion erschien, mit dem Bleistift auf dem Pauspapier markiert werden. Durch ständiges Verschieben von Röhre und Bleistift ergab sich eine punktierte Umrisslinie in der tatsächlichen Größe des Organs. Das Verfahren hieß Orthodiagraphie. Der beobachtende und mühevoll zeichnende Arzt arbeitete dabei ohne jeden Schutz vor den Röntgenstrahlen.

 
 

G. Habermehl: Friedrich Dessauer - Grenzgänger zwischen Natur- und Geisteswissenschaften
Der folgende Vortrag wurde in der Feierstunde zum Schuljubiläum anlässlich des 125-jährigen Bestehens der Oberrealschule am 16. Juli 2008 von Herrn Dr. Georg Habermehl gehalten:



G. Habermehl: Friedrich Dessauer - Grenzgänger zwischen Natur- und Geisteswissenschaften

Während der Aufsatz von Viola Schneider, im Jahrbuch 2005/06 dieses Gymnasiums erschienen, verdienstvoll die Biographie des Namensgebers Ihrer Schule nachzeichnet, möchte ich als Kulturhistoriker heute nicht das große medizinisch-physikalische Werk Friedrich Dessauers würdigen wollen, sondern einige Facetten aufzeigen, die den Hintergrund seiner philosophisch- politisch- theologischen Ambitionen erhellen mögen.

Am 1. Mai dieses Jahres 2008 haben sich der Vatikan und führende iranische Theologen in Rom nach zweitägigen Beratungen auf eine gemeinsame Erklärung zum Verhältnis von Glauben und Vernunft geeinigt.
Dieses Papier enthält sieben gemeinsame Grundsätze, deren wichtigste sind, daß sich Glauben und Vernunft nicht widersprechen könnten und daß beide nicht zur Legitimierung von Gewalt mißbraucht werden dürften.
Im Einzelnen wurde formuliert:
1. Glauben und Vernunft sind beides Geschenke Gottes an die Menschen.
2. Glauben und Vernunft widersprechen einander nicht, aber der Glauben kann in einigen Fällen über der Vernunft sein, aber nie gegen sie.
3. Glauben und Vernunft sind in sich nicht gewalttätig. Weder Vernunft noch Glauben sollte für Gewalt gebraucht werden; unglücklicherweise wurden beide zuweilen mißbraucht, um Gewalttaten zu begehen. In jedem Fall können diese Ereignisse weder Vernunft noch Glauben in Frage stellen. (FAZ 2.5.2008)

Die peinigende Frage, die Selbstpositionierung eines intellektuellen, vielseitig gebildeten Menschen um 1900: Glaube oder Vernunft,- grundsätzlicher Widerspruch oder auf welche Art auch immer vereinbar,- diese Frage stellte sich damals in brennender Dringlichkeit den Angehörigen der jüngeren Alterskohorten.
Nietzsches Gesamtwerk lag vor.
Thomas Manns Zauberberg: Naphta und Settembrini als Antagonisten.
Die Literatur allgemein: in sich überstürzenden Schritten vom Realismus zum Naturalismus hin zu ersten Ansätzen des Expressionismus.
Die Erfindungen auf technischem Gebiet in schneller, sich fast überschlagender Folge in Wechselwirkung mit einer galoppierenden Industrialisierung.
Die städtische Lebensart begann endgültig den vermeintlich im Archaischen verharrenden Ländlichen Raum ins Abseits zu drängen.

Friedrich Dessauer erlebte ( und "erleben" ist auch ein passiver Begriff, wie etwa ?erleiden? ) ein schillerndes Leben, das er nicht gesucht hatte, sondern das ihm durch die Zeitläufte aufgedrängt worden war und das er bewußt zu meistern gewillt war.
Quälend empfundene Unfertigkeit für´s Leben, Begeisterung, Bedrohung, Trotz: bewirken stets einen Drang zur Durchdringung vorgefundener Probleme. Das wurde zum Signum der besten Köpfe seiner Generation.
Die um 1880 geborenen sollten bewußt alle Frakturen und Irrungen des 20. Jahrhunderts erleben, so sie ihn en nicht zum Opfer fielen.
1. Weltkrieg, Inflation, der Tanz auf dem Vulkan (zumindest im großstädtischen Leben der späten 20er Jahre), die nationalsozialistische Diktatur, der 2. Weltkrieg.
Dann, als doch schon Ältere, schon vorzeitig alt gewordene, die Währungsreform, der Wiederaufbau mit all seinen Optionen und geistig wie architektonisch verwirklichten Träumen und gleichermaßen verpaßten Möglichkeiten.
Und dann fast schon zu alt und vor allem zu skeptisch, um die allmählich gedeihenden Früchte des Wirtschaftswunders noch ohne Arg und unbefangen genießen zu dürfen.
Es war die ?Generation Adenauer?, im Kaiserreich noch Kindheit, Jugend, frühes Erwachsenenleben mit all den Möglichkeiten, die ein saturiertes Staatswesen bot:
Ein schneller Aufstieg, akademische Karriere mit 20 Jahren, sofern man in den Modulen der bürgerlichen (Ober-)schicht eingebunden war.
Es ist die nun, wo alle Zeitzeugen gestorben sind, die Geschichtlichkeit der Großeltern der Großeltern der heutigen Kollegiaten; die Welt der Ur-urgroßeltern, welche die Folie auch für Friedrich Dessauers Welterleben bildete.


Glücklich ist, wer glauben kann und darf!

Die Suche nach dem Naturgesetz!
Gesetz ist Ordnung.
Das Diabolische (griechisch ?diaballein?, das Durcheinanderwerfen, das Chaos), vom Verbum ?diaballein? leitet sich etymologisch her die deutsche Bezeichnung des Teufels.
Dagegen steht die im Menschen angelegte Sehnsucht nach dem Ordnungsgedanken, hier manifestieren sich wieder in sich ganz unterschiedliche Ordnungsgedanken.

Der Ordnungsgedanke ist eine auffallend dringliche Koordinate in der Literatur der 1920er Jahre:
- ästhetisierend bei Rilke als Auftakt der Duineser Elegien: ?wer, wenn ich schrie, hörte mich aus der Engel Ordnungen?
- der Kerngedanke Hugo von Hofmannsthals ?Jedermann? ist die Wiedergewinnung der göttlichen Ordnung in einer katastrophenerschütterten Welt.
- bei Friedrich Deml: ?Im Kern der Atome? wird neue naturwissenschaftliche Erkenntnis zum Betätigungsfeld der Poesie.
- expressionistisch im ?Fränkischen Koran? des aus Gerolzhofen stammenden Ludwig Derleth. Es ist dieses Buch eine Analytik des Bösen, des Diabolischen im Spiegel zeitgenössischer Weltinterpretation.

Im Kirchenbau der 20er Jahre taucht immer wieder der Begriff der ?Gottesburg? auf, beispielhaft ist er hier, in Aschaffenburg, umgesetzt in der Herz-Jesu-Kirche: Ein Rückgriff auf die Romanik, den Festungsgedanken, eine kompakte Baumasse, nach außen wenig einladend, im Inneren mit genialer Lichtführung als Sammlungsraum, als Ort der Vergewisserung einer bedrängten Gemeinde.

Aus Teilen des Briefwechsels Friedrich Dessauers, der als Nachlaß seines Sohnes Otmar, in den 1970er Jahren Jesuitenpater und Studentenseelsorger in Darmstadt, nun am Diözesanarchiv Mainz aufbewahrt sind, erschließen sich Einblicke in die naturphilosophische Gedankenwelt Dessauers.
(Leider blieb dieser Teilnachlaß bis heute mangels Finanzierung ungeordnet).

Ich will sie im folgenden sehr komprimiert darstellen, doch lieber Fragen offenhalten, die sich nach einer genauen Inventarisation des Schriftguts wohl erst definitiv klären lassen. Dafür mögen im Rahmen des heutigen Vortrags die groben Linien von Dessauers naturhistorisch-politischem Denkansatz kräftig konturiert werden:


Natur und Gesetz, Physis und Nomos, stehen in der antiken Philosophie zunächst gegeneinander.
Erst langsam findet die Natur in ihre Ordnung und damit ihre Begrifflichkeit.
Damit wird sie der Kultur verfügbar und weist zugleich im Naturgesetz aus der Kultur wieder heraus. (Movens).
Im mittelalterlichen Denken entdeckt man die Abstraktion als Notbehelf, für den Menschen notwendig, der eben nicht wie Gott die Vielfalt naturimmanenter Wechselwirkungen in ihren Einzelheiten zu denken vermochte. Naturgesetze sind notwendig, weil der Mensch alle Detaillierungen nicht abzuklären vermag.
Abstraktion ermöglicht Systematisierung.
In Verbindung mit der Theologisierung der Natur, die das Bestehende als Schöpfung begreift und in vorgefundenen Ordnungen der Natur das Denken Gottes erblickte, kann noch Carl von Linné um 1750 seine systematisierende Botanik als göttliche Wissenschaft bezeichnen.

Dann der Schock:
Der neben Charles Darwin wohl bekannteste Wissenschaftsoptimist des ausgehenden 19. Jahrhunderts postulierte, daß in jeder in der Naturbetrachtung zu beobachtenden Regel ein Naturgesetz verborgen liege.
Haeckel betrachtete die Abfolge von Entwicklungsprozessen diverser Tierarten und sah, daß diese vom Einfachen zum Komplizierten verliefen. Er wußte, daß in der Evolution jede Gestalt in einfacheren Vorformen ihre Ahnen zu suchen hat.
Er formulierte ein biogenetisches Grundgesetz, demnach jede Art in ihrer individuellen Entwicklung vom Embryo zum ausgewachsenen Lebewesen seine komplette Stammesgeschichte nachlebt. Haeckel wurde zum Begründer der Evolutionsbiolog ie.
Das Axiom, die bis dahin verbindliche Grundannahme einer irgendwie ?gewollten Schöpfung? war in Frage gestellt.

Friedrich Dessauer verweigerte nicht dieser ?Vergewisserung einer jetzt nur noch naturphilosophisch ?möglichen?, nicht mehr ?notwendigen? Ordnung.

Der gläubige Naturwissenschaftler und technische Pionier Friedrich Dessauer, der ?UOMO UNIVERSALE? war kein Stubengelehrter, kein Technokrat oder gar ?Neuhumanist?. Er durchschaute die Gefahr des strengen und scheinbar wertfreien Monismus, der großen Versuchung, mit der sich schon etwa René Descartes und, zu Friedrich Dessauers Jugendzeit, eben der biologische Revolutionär Ernst Haeckel konfrontiert sahen.
Der Monismus als Gedanke, alles Wirkliche aus einer einzigen Seinsschicht zu begreifen, leugnet notwendigerweise jede Metaphysik, jede Zweiheit: Leib-Seele, Geist-Stoff, Gott-Welt. Der monistische Ansatz endet entweder in Materialismus (Seinsschicht Stoff) oder als Spiritualismus (Seinsschicht Geist). Ethisch scheitert er an für jeden von uns erfahrbaren Gegensätzen zwischen Sein und Sollen, zwischen Gut und Böse.


Friedrich Dessauer stellte seine Weltauffassung auch in den Dienst derGesellschaft. In seinen politischen Aktivitäten handelte er als überzeugter Demokrat und Humanist. Als Mitglied der katholischen Zentrumspartei (seit 1918), als Herausgeber der Rhein-Mainischen Volkszeitung (ab 1923), als Mitglied des Reichstags (1924) und schließlich als Berater Heinrich Brünings verweigerte er für sich den Weg eines reinen Forscherlebens, das er wie kaum ein anderer, finanzieller Sorgen enthoben, hätte damals leicht wählen können.
Aber für den gläubigen Katholiken Dessauer war das Gleichnis aus dem Matthäusevangelium (Matthäus 25, 14-30) vom anvertrauten Geld, von den Talenten, richtungsweisend. Was ich von Gott erhalten habe, muß und will ich dem Gemeinwesen zur Verfügung stellen!

Erlauben Sie mir an dieser stelle den Einschub: wie kläglich mutet seit Jahren an das Begehren durchaus und zu Recht gut bezahlter Politiker nach wieder und wieder ständiger Erhöhung ihrer Bezüge. Minister, eben Diener des Staatswesens zu sein, oder immerhin als Parlamentarier sein gottgegebenes Talent in den Dienst der Mitmenschen zu stellen, diese Selbstverständlichkeit, diese Maxime Friedrich Dessauers, scheint immer mehr einer beschämenden Gier zu weichen!

Dessauer formulierte so treffend den ?Bruder Unbekannt?, dessen Arbeit wo auch immer im Wirtschaftsgefüge die eigene Existenz erst ermöglicht, so wie man verpflichtet ist, eben auch die eigenen Talente dem ?Bruder Unbekannt? zukommen zu lassen.

Im Mainzer Nachlaß fand sich eine Reihe von Rezensionen aus den 50er Jahren, welche die damalige Breitenwirkung von Dessauers Publikationen bezeugen:
?Segen und Unsegen der Technik-Friedrich Dessauer- Wortführer im Streitgespräch des Jahrhunderts? lautet beispielsweise die Kopfzeile einer Rezension des Buchs ?Streit um die Technik?, erschienen 1956 im Frankfurter Verlag Josef Knecht.
?Friedrich Dessauer begnügt sich nicht mit der Darlegung seiner eigenen, aus dem Optimismus technischen Fortschrittsglaubens und ethisch-religiös fundierter Verantwortung gezeugten Denkresultate. Er gibt vielmehr ein vielleicht sogar lückenloses Kompendium der geistigen Beiträge, die in den letzten 50 Jahren zu diesem Thema geleistet worden sind?.

Unter dem Pseudonym Jakob Stab veröffentlichte Dessauer ?Die Teufelsschule?, eine historisch-fiktive Betrachtung unserer Grundfragen.
Den Grundfragen: Auferstehung des Fleisches, Was ist auf Erden bleibender Besitz, und, im zentralen Kapitel widmet er sich der Tragik einer zum blinden Gehorsam erzogenen Generation. Es ist die Generation, die erst kürzlich wieder in das Rampenlicht historisch-soziologischer Einzeluntersuchungen rückte, nämlich die zwischen 1900 und 1910 geborenen, jungen eifrigen, begeisterten Nutznießer des 3. Reichs.
Nun fand sich im Mainzer Nachlaß ein Erstmanuskript dieser Betrachtung.
Der ?Teufelsschüler? ist eine fiktive, um eine Generation nach vorn verschobene Selbstbetrachtung, eine potentielle Autobiographie von Dessauers Kindern. Der Protagonist ist als ?Ich-Erzähler? unschwer als Dessauers Sohn zu erkennen. Thematisiert wird die schleichende Verstrickung von an sich guten und behütet aufgewachsenen jungen Menschen.
Lassen Sie mich einige der meines Erachtens wesentlichen Zitate ans Ende meines Vortrags setzen:

Die Mission der Technik:

?Vertrauen, Erkennen, Aufbauen. Du weißt es selbst. Ihr müßt bald Trümmerfelder räumen, die durch Mißbrauch der technischen Mittel entstanden. Ihr müßt wieder und wieder aufbauen, was Wahnwitz und Machtgier zerschlägt. Das ist der Befehl, der Euch gegeben wurde. Die Erde, daß heißt, die Natur, dienstbar untertänig zu machen. So steht es in der Genesis. Das begann mit Spaten und Pflug und ist heute bei Flugzeug und Serum und wird an einem späteren Tag ganz unerwartete, ganz überwältigende Einsicht in die Schöpfung bringen und damit zugleich Macht-Energien, Stoffe. Das hat schon lang das Angesicht der Erde verwandelt und wird es wieder tun.?

Der Europa-Gedanke:

?Es kann für uns nichts besseres geschehen, als daß Europa, darüber hinaus die bewohnte Erde zur Gesellschaftsform wird. Nur so läßt sich das Erbgut des Abendlandes retten. Die nationalen Räume sind zu klein, die nationalen Egoismen zu eng, die nationalen Überwertungen unerträglich geworden. Es gibt keine Lebenszukunft als in der Erweiterung der Ordnungseinheiten. Europa, das Abendland, baut auf, ihr Techniker!
Denn die historischen Kategorien sind wandelbar.
Was war doch einst der ?Herrscher?, - von Gott gesetzt, geweiht, geheiligt. Letztes Prinzip der Ordnung, unantastbar. Was ist der Herrscher heute? Eine problematische Gestalt, die schwindet. Wo sind die Kaiser und Fürsten von einst? Die wenigen, die noch bestehen, sitzen repräsentativ auf ihren Thronen. Aber Gewalt und Unantastbarkeit sind von ihnen gegangen. Auch der Versuch neuer Tyrannen, Lenins, Stalins, Hitlers, Mussolinis sind tragische Experimente, die nicht gelingen können. Das geht im Zeitalter der Naturwissenschaft und Technik nicht mehr. Die großen, naturbedingten Ordnungen werden sichtbar, die Männer des öffentlichen Lebens haben sie zu erkennen und zu vollstrecken- nicht, wie sie glauben, zu bestimmen. Die Schöpfung geht weiter, sie ist nicht zu Ende??

Liebe Kollegiaten, verehrte Lehrer dieses Gymnasiums:
Nutzen Sie neben den eigentlichen, naturwissenschaftlichen Schriften Friedrich Dessauers, dem Werk, das heute am ehesten bekannt und erforscht ist, weitergeführt worden ist, auch die mannigfachen wissenschaftsgeschichtlichen, religiösen und politischen Äußerungen des Namensgebers Ihrer Schule!
Geschichtsunterricht, Religion und Ethik, selbst der Deutschunterricht sollte - nicht zuletzt aus berechtigtem lokalem Stolz auf einen der besten Söhne Aschaffenburgs - Friedrich Dessauers reiches Vermächtnis jenseits festgeschriebener Lehrpläne nutzen.
Es ist Erbe und Wegweisung zum wahren Humanismus!

Ich danke Ihnen!