Du bestimmst dein Schicksal

von Linda Schyma

An einem sonnigen Mittwochnachmittag sitzt du im Unterricht und beobachtest fasziniert den Marienkäfer, der durchs offene Fenster hereingeschwirrt ist. Andauernd schaust du auf die Uhr, die du vor ewigen Zeiten zum Geburtstag bekommen hast.
Die Minuten bis zum Gong wollen einfach nicht vorbeigehen und ziehen sich wie Kaugummi. Es ist jeden Tag das Gleiche. Du hörst den Lehrer reden, aber irgendwie kommen dir seine Erklärungen wie unzusammenhängende Wörter vor, die keinen Sinn ergeben.
Daniel, der neben dir sitzt, geht es scheinbar anders, denn er kritzelt wie besessen Notizen auf ein Blatt. Manchmal wünschst du dir, du könntest dich so konzentrieren wie er und in jedem Fach durchblicken.
Die anderen nennen ihn Streber, aber eigentlich ist er völlig in Ordnung. Er lernt eben gerne und hört den Lehrern zu, was du nicht verstehen kannst, weil es doch viel interessanter ist, dem roten Käfer mit den schwarzen Punkten zuzusehen. Seine winzigen Flügel schlagen auf und ab, während er versucht, einen Weg nach draußen zu finden.
Warum kann nicht einfach etwas Aufregendes passieren?, denkst du dir.
Es ist ein langweiliger Tag wie jeder andere, und du würdest alles für ein bisschen Abwechslung geben. Beinahe fühlst du dich wie der Käfer, der wieder und wieder gegen das Glas anfliegt. Du bist gefangen hier in der Schule, es ist immer dasselbe und es gibt keine Fluchtmöglichkeit.
Du überlegst schon, ob du dich unauffällig vorbeugen und das Fenster öffnen sollst, um das Insekt freizulassen, als der Lehrer Daniel drannimmt. Seine etwas quäksige Stimme, mit der er eine schlaue Antwort herunterrattert, reißt dich aus deinen Gedanken.
Du solltest nicht immer im Unterricht träumen, sonst wirst du noch aufgerufen und erwischt. Auf keinen Fall willst du in die peinliche Situation geraten, in der du zugeben musst, dass du nicht weißt, was ihr gerade überhaupt im Unterricht macht.
Weil du für einen Moment abgelenkt warst, hast du nicht mitbekommen, dass der Käfer mittlerweile auf deinen Tisch gekrabbelt ist. Jetzt, wo du ihn von Nahem siehst, fällt dir etwas auf: Der Marienkäfer hat ein Maul mit winzigen scharfen Zähnen die irgendwie gefährlich aussehen.
Das ist nicht normal bei Käfern, oder?
Was noch schlimmer ist, ist sein Blick. Er grinst dich an und entblößt dabei seine scharfen Hauer. Seine kleinen Insektenbeine winken dir zu, als ob er dir etwas sagen will. Du blinzelst ein paar Mal, aber das seltsame Tier verschwindet nicht.
Das hier ist also kein Tagtraum, du bildest es dir nicht bloß ein.
Im selben Moment ertönt ein lautes Geräusch: Es ist die Sirene, die immer beim Probealarm losgeht.
Die anderen Schüler sehen sich verwirrt um und springen teilweise auf. Auch der Lehrer schaut verdutzt drein, obwohl die Lehrkräfte normalerweise immer Bescheid wissen, wenn es einen Alarm gibt. Die Nachricht, dass es diesmal kein Probealarm ist, verbreitet sich wie ein Lauffeuer im Klassenzimmer.
Irgendetwas passiert dort draußen, und keiner ist darauf vorbereitet. Langsam bricht Panik aus, mehrere Mädchen fragen in schrillem Ton, was los ist. Niemand weiß Bescheid, aber ein Junge namens Max brüllt etwas von Polizei und Feuerwehrautos, die jemand im Pausenhof gesichtet hat.
Während sich alles in ein einziges Chaos verwandelt, krabbelt der Monsterkäfer näher an dich heran und gestikuliert erwartungsvoll. Scheinbar will er, dass du ihn an dein Ohr hebst, um hören zu können, was er sagt.
„Hey“, ruft Max und sieht sich nach dir um, „kommst du mit nach draußen, um die Lage zu checken? Na los, wir haben keine Zeit.“
Er und ein paar Jungs und Mädchen haben eine Gruppe gebildet, die in Richtung Ausgang unterwegs ist. Genau wie du wollen sie unbedingt wissen, was hier los ist. Die schrecklich lauten Sirenen tun dir in den Ohren weh, und du musst schnellstens eine Entscheidung treffen:

Widerwillig wendest du deine Augen von den auf und ab schlagenden Flügeln des Käfers ab. Wahrscheinlich hast du dir seine Geste nur eingebildet. Die langweiligen Unterrichtsstunden lassen deine Fantasie manchmal verrückt spielen, aber das ist kein Grund zur Sorge.
Nach einem letzten Blick auf das Insekt schnappst du dir deine Tasche und versuchst, Max und die anderen einzuholen. Sie sind schon an der Tür des Klassenzimmers, wo alle in Richtung Eingang drängen und dabei andere aus dem Weg schubsen.
Der Lehrer bittet verzweifelt um Ruhe und befiehlt euch, eine Schlange zu bilden und geordnet zum Sammelplatz zu laufen, aber es hat keinen Zweck.
An Regeln ist in einem Moment wie diesem nicht zu denken. Genau wie die anderen hast auch du nur einen einzigen Gedanken: Was ist hier los und warum überrascht es sogar den Lehrer?
Bald hast du Max und die anderen eingeholt, natürlich ohne auf die geschrienen Anweisungen der Lehrkraft zu achten. Ihr bahnt euch einen Weg durch den Gang, wo aus jedem Klassenzimmer die Schüler strömen.
„Bleiben wir zusammen“, schlägt Jana vor, ein Mädchen aus deiner Klasse, und fasst dich und Max am T-Shirt, damit ihr euch nicht verliert. Außerdem schließen sich euch Jannis an, ihr Zwillingsbruder aus der Parallelklasse, und sein schüchterner Kumpel Leon.
An jeder Ecke warten Lehrer, die euch in Richtung Sammelplatz schicken. Klugerweise haben sie alle Türen zum Pausenhof geöffnet, sonst würde womöglich noch jemand dagegen rennen, so neugierig und ungeduldig sind die Schüler. Auch du kannst es kaum abwarten, nach draußen zu kommen, damit du die Ursache der Unruhe zu Gesicht bekommst.
„Bestimmt ist ein Meteorit eingeschlagen“, ruft Max über den Lärm der aufgeregt quasselnden Schüler hinweg.
Jana, die immer noch seinen Ärmel festhält, schüttelt vehement den Kopf.
„Ach quatsch, so was passiert doch nicht.“
Jannis und Max fangen an, laut zu lachen.
„Das war ein Witz, Jana“, kichert Max und wirft ihrem Bruder einen belustigten Blick zu.
Du musst grinsen, als Jana sich lautstark rechtfertigt. „Ja, ja, das wusste ich doch.“
Mittlerweile seid ihr im Freien und du lässt deinen Blick durch die Menge schweifen. Überall stehen Lehrer und zählen ihre Schüler, um sicherzugehen, dass niemand fehlt oder den Aufruhr dazu genutzt hat, sich aus dem Staub zu machen.
Die meisten Schüler bleiben nicht bei ihrer Klasse, sondern rennen frei herum, auf der Suche nach dem Feuer.
In der Nähe des Tors, das zur angrenzenden Realschule führt, siehst du zwei Männer, die tatsächlich wie Polizisten aussehen. Sie unterhalten sich mit besorgten Gesichtern und deuten in die Mitte des Pausenhofs, wo die meisten Leute stehen.
Scheinbar gibt es dort etwas Aufregendes zu sehen, denn alles um dich herum strömt zu der Stelle hin. Leider kannst du nicht sehen, was dort passiert, weil all die Köpfe der anderen im Weg sind.
Du tippst Max an, um ihn darauf aufmerksam zu machen, aber er hat es schon bemerkt und brüllt: „Lasst mich durch!“ Er schafft es, sich mit Ellenbogen und mehr oder weniger freundlichen Bitten einen Weg bis zum Zentrum der Aktivität im Pausenhof zu bahnen, gefolgt von dir, Jannis und Jana.
Als du endlich etwas erkennen kannst, verschlägt es dir schlichtweg die Sprache.
Die Schüler haben einen Kreis um ein umzäuntes Beet gebildet, in dem Büsche und Blumen wachsen. Zwischen all den Pflanzen liegt eine zusammengekrümmte Gestalt. Um einen besseren Blick auf sie zu erhaschen, drängelst du dich weiter vor, bis du in der ersten Reihe des Kreises stehst.
Wie es aussieht, ist der Junge, der ungefähr in deinem Alter sein muss, völlig orientierungslos. An seinen Schultern sind mehrere Seile befestigt, von denen die Überreste eines Fallschirms baumeln.
Der Stoff ist an einigen Stellen zerrissen und hängt jetzt im Gestrüpp, genau wie in der Kleidung des benommenen Jungen. Unter seinen wirren Haaren lugen zwei dunkle Augen hervor, die nur halb geöffnet sind und verwirrt umherblicken.
Max findet als erstes seine Sprache wieder: „Wie ist der denn hierher gekommen?“, fragt er ungläubig.
Seine Überraschung spiegelt sich in den Gesichtern der anderen wieder, die rings um ihn herum stehen und ihn neugierig beäugen.
Während die Aufmerksamkeit vor allem auf dem Jungen liegt, fällt dir etwas anderes auf: Im Blumenbeet zu seinen Füßen liegt ein einsames Stück Pappe. Es ist schwarz vom Dreck und hat bereits Eselsohren, als wäre jemand darauf getreten.
Du runzelst die Stirn und fragst dich, was es zu bedeuten hat, als Max plötzlich das Blumenbeet betritt und auf den Jungen zugeht.
„Hey, was machst du da?“, fragt Jannis und legt eine Hand auf Max’ Schulter. Er jedoch schüttelt sie ab und macht sich an den Leinen des Fallschirms zu schaffen.
Statt zu protestieren, macht der halb bewusstlose Junge bloß ein hilfloses Geräusch und dreht sich zur Seite.
„Dieser Fallschirm könnte nützlich sein“, sagt Max und blickt in die Runde. 
“Komm, hilf mir mal, ihn abzuschnallen, bevor die Lehrer kommen“, wendet er sich direkt an dich.
„Ich weiß nicht so recht“, gibst du zurück und blickst aus dem Augenwinkel auf das Stück Karton. Jetzt erkennst du Buchstaben darauf und glaubst, es ist die Rückseite einer Postkarte. Du fragst dich, was damit geschehen ist und woher sie kommt. Am besten, du steckst sie ein, damit du sie genauer untersuchen kannst.
Max’ Aufforderungen werden immer dringender, und du bist hin- und hergerissen.
Das Viech lässt sich auf deiner Hand nieder und beobachtet dich erwartungsvoll. Irgendwie Furcht einflößend kommen dir die kleinen Zähnchen schon vor, so wie es dich angrinst. Dann stößt es sich ab, breitet abrupt seine schwarz-roten Flügel aus und schwirrt in Richtung Notausgang. Im Moment, wo sowieso alle mit dem Feueralarm beschäftigt sind, wird keiner auf dich achten. Es ist nicht schlimm, wenn du ihm folgst und herausfindest, was es dir zeigen möchte, oder?
Dein Gewissen meldet sich zu Wort, denn eigentlich solltest du besser in der Schule bleiben und tun, was die Lehrer sagen. Andererseits kannst du dir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, mal unbemerkt dem langweiligen Schulalltag zu entkommen!
Du hast deine Entscheidung getroffen und lächelst vor dich hin, während du dem kleinen Käfer hinterherläufst. Seine Signalfarben sind nicht zu übersehen, doch außer dir achtet sicher niemand auf das kleine Insekt. Egal, wie verrückt dir die Sache vorkommt, du hast dir diese Stimme an deinem Ohr ganz sicher nicht eingebildet.
Wie geplant merkt keiner, wie du dich von der großen Schülermasse entfernst und den Weg entlanggehst, der runter zum Fluss führt. Merkwürdig, was gibt es dort, das für den Käfer so interessant ist? Erst, als die anderen außer Hörweite sind, fragst du den Marienkäfer nach einem Ziel: „Wo gehen wir hin?“
Mit einem Satz ist er wieder an deinem Ohr und schnarrt „Frag nicht so viel, das wirst du gleich sehen.“ Na gut, wenn er dir nicht verraten will, wo es hingeht, genießt du eben einfach die Sonne und schaust dem Wind zu, der die Blätter rascheln lässt. Es ist super, an einem Schultag mal nach draußen zu kommen und etwas anderes zu erleben.
Irgendwann steht ihr am Flussufer und das Insekt schwirrt zu einem grauen Betonklotz der dir früher noch nie aufgefallen ist.
„Was ist das?“, fragst du neugierig, und nach einem leicht gereizten Blick seiner schwarzen Äuglein antwortet dir der Käfer auch: „Es ist ein Bunker aus vergangenen Zeiten, aber eigentlich steckt noch viel mehr dahinter.“
Was er damit meint, siehst du, als er zu einem rechteckigen Umriss in der kahlen grauen Steinwand fliegt.
„Du musst ein X auf den Türgriff malen, sonst kommen wir nicht rein!“, zischt dein Begleiter.
Zwar siehst du gar keinen Griff und auch kein Schlüsselloch, aber der Käfer scheint mehr zu wissen als du. Also hebst du einen Stock mit ein wenig Erde auf und schmierst ein „X“ an die Stelle, an der du bei einer normalen Tür das Schlüsselloch vermuten würdest.
Alles klar, scheinbar hast du nichts falsch gemacht, denn die Tür schwingt tatsächlich mit einem Knarren nach innen auf. Spätestens jetzt bist du dir sicher, dass hier etwas Übernatürliches vorgeht. Seit wann öffnen sich Steintüren durch hingekritzelte Zeichen?
Dem Käfer hinterher trittst du in den modrigen kleinen Raum, die Innenseite des Bunkers. Es ist kühl, und an den schlecht beleuchteten Wänden hängen Spinnenweben. Das einzige Licht dringt durch die Tür herein und du hältst sie mit der Hand auf, um überhaupt etwas sehen zu können.
Unwillkürlich musst du schlucken, denn etwas gruselig ist es hier schon. Der Käfer merkt, dass du unruhig bist, und fragt spöttisch: „Bist du bereit?“
Auch, wenn du ein wenig weiche Knie hast, freust du dich auf das Abenteuer und nickst. Der Käfer ist der einzige Farbtupfer weit und breit und brummt in eine Ecke des rechteckigen Bunkers, nicht weit vom Ausgang entfernt.
Erst jetzt erkennst du die Treppe, die scheinbar nach unten führt. Gleichzeitig fällt dein Blick auf die gegenüberliegende Wand, von der ein schwaches Leuchten ausgeht. Als du näher herangehst, entdeckst du die Umrisse von Zeichnungen.
Sie erinnern dich an antike Höhlenmalereien und kommen dir völlig fremd vor. Neben einem Drachen siehst du eine runde Scheibe, die wohl eine Sonne darstellen soll, etwas weiter drüben verschiedene Arten von geflügelten Monstern und Menschen mit Kronen.
Wieder ruft der Käfer nach dir: „Na komm schon!“
Scheinbar hat er es eilig und du bist hin- und hergerissen:
Der Junge schaut noch einmal benommen zu euch auf und scheint dann in einen tiefen Schlaf zu sinken. So bemerkt er nicht einmal, wie du und Max die Gurte löst und euch dann mit den anderen zusammen davonmacht.
„Was soll das werden?“, fragt Leon atemlos, während er neben euch herhastet.
„Ach, werdet ihr gleich sehen“, meint Max und schaut euch mit diesem schiefen Grinsen an, ein schelmisches Funkeln in seinen Augen.
Ohne zu wissen, wohin es geht, folgst du ihm zu einer Metalltreppe, die in den ersten Stock führt. Dann rennt ihr weiter, durch verschiedene Treppenhäuser, und entkommt den wachsamen Blicken der Lehrer, die viel zu sehr mit den vielen Kindern auf dem Pausenhof beschäftigt sind, um auf euch zu achten.
„Heute ist die perfekte Gelegenheit, ein Abenteuer zu erleben“, verkündet Max, der innerhalb kürzester Zeit zu eurem Anführer geworden ist, obwohl niemand ihn dazu ernannt hat.
Nur wenige wissen, dass es eine Treppe gibt, die vom dritten Stock aus aufs Dach führt, dass man die kiesbedeckten Flächen hoch über der Schule durch ein Fenster erreichen kann. Doch Max weiß es und ihr alle staunt über seinen Mut. „Na kommt, Leute“, drängt er und ihr erklimmt nacheinander das Fensterbrett und lasst euch auf das Dach fallen.
Dir kommen Zweifel bei dieser Aktion, denn von draußen kann man euch bestimmt sehen! Trotzdem kletterst du den anderen hinterher und staunst darüber, wie anders die Schule von oben aussieht.
Überall ragen Schornsteine und Lüftungsschächte in die Höhe, kein schöner Anblick. Die Sonne aber glänzt auf den silbernen Metallstreben der Dächer. Hier oben weht ein starker Wind und pfeift dir um die Ohren.
„Guckt mal“, ruft Jannis und zeigt auf die Leute im Pausenhof. Von hier oben sehen die Schüler und Lehrer winzig aus, so wie sie in der Mitte des Hofs herumstehen.
Max dreht sich nach euch um und grinst triumphal, denn zu eurem Glück haben die Lehrer anderes im Kopf und kümmern sich lieber um den ohnmächtigen Jungen als um ein paar Leute, die auf dem Dach herumlaufen.
„Und was jetzt?“, fiept Jana mit ihrer etwas hohen Stimme, allerdings tut sie ihr bestes, um nicht ängstlich zu wirken. Max grinst noch breiter, und deutet auf den zusammengeknüllten Fallschirm in seiner Hand. „Wollen wir mal sehen, wer von euch ein Angsthase ist und wer sich traut, ein bisschen Spaß zu haben.“
Langsam glaubst du zu wissen, was er mit dem halb kaputten Ding vorhat.
„Wir sollen…“
Bevor du deinen Verdacht aussprechen kannst, ruft Max auch schon laut: „Wir springen vom Dach!“
Vorsichtig tappt Jannis bis an den Abgrund und späht hinunter. „Wow, ist das hoch!“, entfährt es ihm. Daraufhin zischt seine Schwester ihn an: „Nicht so laut, Jungs, nicht dass wir entdeckt werden!“
Deine Begleiter scheinen von der Idee angetan zu sein, obwohl ihnen doch klar sein muss, dass der Fallschirm so nicht mehr fliegen kann!
„Wer sich traut, kriegt von mir hundert Euro!“, posaunt Max und schaut in die Runde.
Jannis, der sich schon lange das Iphone 5 kaufen will, nickt mit glänzenden Augen. Sicher gibt es auch für Jana etwas, das sie sich dringend wünscht, denn sie sieht zwar etwas verschreckt, aber entschlossen aus.
Unschlüssig blickst du zu Leon. Seid ihr die einzigen, die nicht bei dieser doofen Wette mitmachen?
„Und dann“, fängt Max wieder an zu reden und kramt in seiner Hosentasche, „filmen wir das ganze.“ In seiner Hand liegt eine kleine Digicam bereit, euer waghalsiges Unternehmen für immer festzuhalten.
Jannis hilft ihm, den Fallschirm auszubreiten, und dann schauen alle fragend zu Leon und dir. Nach einigen Momenten des Zögerns willigt Leon schließlich ein, wahrscheinlich, um Max’ stechenden Blick aus blauen Augen zu entgehen und sagt mit zitternder Stimme „Ich bin dabei.“
„Und du? Traust du dich?“
„Nein? Bist du verrückt? Den können wir doch nicht einfach mitnehmen!“, wirfst du Max an den Kopf und wendest dich ab.
Misstrauisch beäugst du das kleine Rechteck zu deinen Füßen. Die Postkarte steckt zur Hälfte im Dreck und liegt nicht weit von der Hosentasche des abgestürzten Jungen entfernt, der sich unruhig bewegt, aber nicht aufwacht.
Während die anderen damit beschäftigt sind, Max davon abzuhalten, den Fallschirm mitgehen zu lassen, beugst du dich unauffällig herunter und hebst die Postkarte auf. Vorsichtig klopfst du die Erde ab und drehst die Karte hin- und her. Das Motiv ist ziemlich nichts sagend, irgendein Tierbild mit Spendenaufruf, wahrscheinlich ein Werbegeschenk.
Dich interessiert auch mehr die Rückseite, die voll geschrieben, adressiert und frankiert ist. Zum Glück kann man die wackligen Buchstaben noch lesen:
„Es ist super hier im Flugzeug. Aus dem Fenster sieht alles so winzig aus, wie Spielzeugautos oder Ameisen…“ Hier brechen die hastig gekritzelten Zeilen ab und gehen in einen krakeligen Strich über, als wäre jemand beim Schreiben abgerutscht.
Du fragst dich, was das alles zu bedeuten hat und steckst die Karte schnell ein. So ein wichtiges Beweisstück muss gesichert werden und du hoffst, dass die Polizisten dich nicht bemerkt haben.
Verstohlen siehst du dich um und merkst plötzlich, dass Janis und Jana direkt hinter dir stehen. Leon diskutiert immer noch mit Max, der sich in den Kopf gesetzt hat, dem Jungen den Fallschirm abzunehmen. Allerdings hat sich mittlerweile ein Lehrer vor den Jungen gestellt und bewacht ihn vor neugierigen Blicken.
„Was machst du da?“, fragt Jana aufgeregt.
Na gut, du musst sie wohl in deinen Plan einweihen. „Ich werde herausfinden, was passiert ist“, verrätst du, „irgendwo muss der Junge ja hergekommen sein.“ Die beiden schauen erst skeptisch drein und nicken dann. „Alles klar, wir helfen dir!“
Zuerst überlegst du, ob du die beiden bei deinen Ermittlungen dabei haben willst. Alleine ist man immer unauffälliger, aber andererseits kannst du jede Unterstützung gebrauchen.
„In Ordnung, aber pscht! Kein Wort zu den Lehrern“, warnst du sie und legst verschwörerisch einen Finger an die Lippen. Die beiden nicken eifrig und sehen dich fragend an. Nach einer Weile wird dir klar, warum sie vor Neugier auf und ab hüpfen und kaum stillhalten können.
„Na los, zeig uns, was du gefunden hast“, bittet dich Janis und du achtest darauf, dass euch niemand beobachtet, bevor du das schmutzige Stück bedruckten Karton hervorholst. Nachdem du es ihnen vorgelesen hast, flüstert Jana begeistert: „Er saß also in einem Flugzeug!“
Ein wenig besserwisserisch sieht sie ihr Zwillingsbruder von der Seite an und ein: „Na, ist doch logisch, oder glaubst du, er ist vom Himmel gefallen?“
„Ja, im Flugzeug“, wiederholst du und denkst nach. Es ist euer einziger Anhaltspunkt, doch warum sollte ein Junge in eurem Alter ausgerechnet über einer Schule mit einem Fallschirm aus einem Flugzeug springen? Das ganze ergibt überhaupt keinen Sinn!
Ratlos siehst du von den Gesichtern deiner Freunde zu dem bewusstlosen Jungen und wieder zurück. Wo sollt ihr bloß anfangen, nach weiteren Hinweisen zu suchen?
Plötzlich nimmst dich Jana am Arm und platzt heraus: „Das Zirkusflugzeug!“
Erst hebt Janis fragen die Brauen, doch dann stimmt er ihr zu: „Du hast Recht! Das könnte es gewesen sein.“
Einen Moment später weißt du auch, wovon die beiden reden: Seit ein paar Wochen gastiert ein Zirkus in eurer Stadt. Das Zelt fällt dir immer auf dem Weg zur Schule auf, und über der Stadt dreht oft ein kleiner Flieger mit einem Banner des Zirkus seine Runden.
Gerade über eurer Schule ist es oft zu sehen, fällt dir ein. Die beiden könnten Recht haben, vielleicht ist der Junge tatsächlich daraus gestürzt. Aber was hat er in einem Werbeflugzeug zu suchen?
„Leute, ich weiß sogar, wo das Flugzeug immer landet, wenn die Schule aus ist und keiner mehr hier ist“, berichtet Janis aufgeregt und deutet in Richtung des Volksfestplatzes, der an den Sportplatz eurer Nachbarschule angrenzt.
„Los, lasst uns hingehen und nach Beweisen suchen!“, schlägt er vor und ist ganz aus dem Häuschen.
Eigentlich sieht seine Schwester nicht abgeneigt aus, doch wie das nun mal so ist, muss sie Janis widersprechen: „Nein, wir warten hier, bis der Junge aufwacht! So kriegen wir viel mehr Informationen!“
Vorwurfsvoll sieht Janis sie an und keift zurück: „Nein, da sind doch die Lehrer und Polizisten im Weg!“
Mit einem Lächeln siehst du den beiden beim Streiten zu. Sie sind sich so ähnlich, beide voller Energie und Tatendrang, aber nie einer Meinung. Würden sie einmal aufhören, zu zanken, wären sie ein wunderbares Team, aber sie sind eben Geschwister.
Während sie streiten, denkst du ganz sachlich über eure nächsten Schritte nach: Einerseits hat Janis Recht und die Lehrer könnten euch behindern und euch verbieten, euch einzumischen, doch es wäre ein Anfang, den Jungen selbst zu fragen, wenn er sich besser fühlt. Dann wüsstet ihr, was geschehen ist, doch es kann noch eine Weile dauern, bis er aufwacht.
Dann wäre da noch das Flugzeug, bei dem aber sicher auch schon die Polizisten Schlange stehen.
Irgendwann hören Janis und Jana auf, sich anzufauchen und sehen dich erwartungsvoll an: „Du solltest entscheiden“, meint Jana und lächelt dich gewinnend an, ebenso wie ihr Bruder.
Wem wirst du Recht geben?
Irgendwie fühlst du dich von den funkelnden Gemälden in den Bann gezogen und kannst gar nicht anders, als näher heran zu gehen. Der Käfer ruft ungeduldig nach dir, doch du beachtest ihn gar nicht und starrst gebannt auf die leuchtenden Umrisse des Drachen an der Wand.
Beinahe kommt es dir vor, als würde er den Kopf wenden, um dich anzusehen – und hat er nicht gerade gezwinkert?
Beunruhigt und fasziniert zugleich streckst du die Hand aus, um die Malereien zu berühren – und hörst zu spät den warnenden Ausruf des Käfers, der plötzlich wie ein Pfeil heran geschossen kommt: „Nicht!“
Es beginnt mit dem Schwindelgefühl, und dann scheint es dir, als würde sich alles um dich herum drehen. Wankend machst du einen Schritt zurück, doch du verlierst immer mehr die Orientierung. Der kleine Raum verliert seine Konturen und geht in einem Wirbel aus gleißenden Farben unter.
Du weißt wenig später nicht mehr, was oben und was unten ist, denn alles verschwimmt und droht sich aufzulösen. Benommen schließt du die Augen, doch du siehst immer noch tanzende Lichtpunkte vor dir. Was geschieht hier bloß?
Einen Moment später ebbt das Schwindelgefühl ab. Als du die Augen öffnest, kannst du wieder vollkommen klar sehen, doch deine Umgebung ist so unglaublich, dass du überlegst, ob das hier ein Traum ist.
Du stehst auf einem sanften Hügel, der von saftig grünen Bäumen bewachsen ist. Inmitten dieses Urwalds voller exotischer Pflanzen erhebt sich ein strahlendes goldenes Gebäude. Die Sonnenstrahlen treffen auf die dreieckige Konstruktion und lassen ihre stufenartigen Wände unwirklich funkeln.
Wo bist du hier gelandet? Und was noch wichtiger ist, wie? Du kommst aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Erst jetzt merkst du, dass es entsetzlich heiß und schwül ist. Zu allem Übel schwirren auch noch tausende fremd aussehende Insekten um dich herum. Du kannst Stechmücken und alle anderen Blutsauger nicht ausstehen!
„Weg mit euch“, murmelst du und schlägst mit der flachen Hand nach einem von ihnen.
Im selben Moment erkennst du das leuchtend schwarz-rote Muster auf den Flügeln des Käfers. Es ist der altbekannte Monsterkäfer, der dich in den geheimen Bunker geführt hat! Mit einem entschuldigenden Lächeln lässt du die Hand sinken und begrüßt ihn.
„Was passiert hier? Wie sind wir hier hergekommen?“, fragst du ihn ungeduldig.
Mürrisch brummt er um deinen Kopf herum und wirkt recht genervt.
„Das fragst du? Du musstest ja den Raum-Zeit-Verzerrungs-Mechanismus in Gang setzen!“
Raum-Zeit-was? Du weißt nicht, was der Käfer meint und machst ein unschuldiges Gesicht.
„Na die Bilder!“, hilft er dir auf die Sprünge, „immer müsst ihr neugierigen Menschen an allem herumpfuschen!“
Als du an den letzten Moment vor dem völligen Chaos denkst, wir dir klar, was los ist: Du hast die Hand ausgestreckt und die Bilder berührt, und ihr beide wurdet durch Raum und Zeit geschleudert, bis hierher and diesen seltsamen Ort!
„Ich habe dich noch gewarnt“, schimpft der Käfer vor sich ihn.
Aber wie hättest du je ahnen können, dass ein paar Wandmalereien für so etwas Verrücktes verantwortlich sein könnten? Immer noch kannst du nicht glauben, dass euch der seltsame Strudel aus Lichtern einfach mir nichts, dir nichts zu einer anderen Zeit am anderen Ende der Welt abgesetzt hat. Deine Kleidung kommt dir zu warm für diese Gegend vor und du zupfst daran, während du dem Konzert der vielen Insekten und Vögel im Urwald lauschst.
„Wo genau sind wir hier?“
Nachdenklich flattert der Käfer auf und ab. „Meiner Meinung nach ist das hier der Kukulcán-Tempel in Mexiko…“
Noch einmal lässt du deinen Blick an dem strahlenden Gebäude hochwandern. Die alte Pyramide ist wirklich beeindruckend, und du fragst dich, wer so etwas riesiges gebaut hat. Wer war das noch mal in Mexiko, die Azteken, Mayas oder Inkas?
Du fragst den Käfer danach und er erklärt: „Wir sind im Maya-Reich gelandet. Es passiert oft, dass man durch den Strudel in die Zeit einer frühen Hochkultur gerät. Die Inkas sind ein beliebtes Reiseziel, genau wie Ägypten, aber auch das alte Rom oder Griechenland.“
Der Käfer spricht beinahe von der Zeitmaschinen-Höhlenwand, als wäre sie menschlich und hätte einen freien Willen. Wie genau sich das alles ereignet hat, weißt du immer noch nicht. Doch noch wichtiger ist: „Wie kommen wir zurück?“
Statt dich zu beruhigen, lässt sich der Käfer auf deiner Schulter nieder und grinst dich hämisch an. „Nun, es gibt hier ganz in der Nähe ein weiteres Portal. Das musst du erst einmal finden.“ Na, das sind ja Aussichten!
Allerdings musst du zugeben, dass du den Tempel unbedingt erkunden willst. Es wäre zu schade, jetzt schon zu gehen, und vielleicht ist das Portal ja im Tempel versteckt?
Entschlossen gehst du darauf zu, doch im selbem Moment ertönt ein schrilles, unmenschliches Kreischen hinter dir. Du fährst erschrocken herum, doch da ist niemand.
Was wirst du tun?
Erst einmal atmest du tief durch und wirfst noch einmal einen Blick nach draußen, doch du hast deine Entscheidung getroffen. Sicherheitshalber merkst du dir die Richtung der steinernen Treppe, auch wenn du dich am Surren der Käferflügel orientieren kannst.
Mit einem lauten Geräusch fällt die Tür hinter dir zu, sodass der letzte Lichtschein verschwindet. Du befindest dich in völliger Finsternis. Trotzdem hast du das Gefühl, bei dem Käfer gut aufgehoben zu sein, denn er schwirrt ganz nah an deinem Ohr und zeigt dir den Weg.
Du tastest dich vorsichtig an der Wand entlang, die du im schwachen Schein der Leuchtmalereien gerade noch sehen kannst. Dann knickt die Treppe ab und du musst schlucken, weil du die Hand vor Augen nicht mehr siehst.
„Wohin jetzt?“, fragst du bange.
Als Antwort kriegst du bloß ein leicht ungeduldiges „Immer mit der Ruhe“ zu hören und läufst tapfer weiter.
Langsam wird dir dann doch mulmig zumute. Wo soll das nur hinführen? Leider erklärt dir der Käfer nicht, wohin er dich lotst oder was das hier überhaupt für ein seltsamer Gang ist.
Worauf hast du dich da bloß eingelassen?
Als du gerade etwas sagen willst, erhellt sich mit einem Schlag deine Umgebung. Vor dir erstreckt sich eine riesige Höhle, die bis zu dem schmalen Vorsprung, auf dem ihr steht, unter Wasser liegt.
Der See ist ein bläuliches Licht getaucht, das unruhige Schatten an die Steinwände wirft. Du kannst nicht anders, als mit offenem Mund zu staunen.
„Wow“, entfährt es dir und der Käfer umrundet einmal triumphal deinen Kopf.
„Ich wusste, dass es dir gefällt“, brummt er und zeigt dabei seine spitzen Monsterzähne.
Wie kann es sein, dass ein so großer Raum unter dem Fluss liegt, den du so gut kennst? Ist der Unterwassersee mit dem Flusslauf verbunden?
Die unzähligen Fragen, die du dem Käfer stellst, beantwortete er allesamt mit einem unmenschlichen Schnarren, doch Genaueres möchte er dir scheinbar nicht mitteilen.
Vielleicht hat er dich weiter geführt, als du im ersten Moment dachtest. Im Dunkeln sind Entfernungen schwer abzuschätzen.
Plötzlich bekommst du doch noch eine Art Erklärung: „Manche Orte, junger Mensch“, setzt er an und sieht dich aus funkelnden schwarzen Knopfaugen an, „sind nicht, wie sie scheinen. Ich glaube nicht, dass du dich mit dem Geflecht der Dimensionen auskennst, aber sagen wir, dieser Ort liegt hinter der Schule, die du kennst, und auch gleichzeitig darunter und darüber.“
Gebannt hörst du ihm zu, doch irgendwie wirst du aus seinen Worten nicht schlau.
Einen Augenblick später kräuselt sich die Wasseroberfläche, nicht weit von eurem Felsen. Du hältst erschrocken die Luft an und siehst zu, wie sich ein riesiger, schuppiger Kopf aus dem Wasser erhebt.
Erst traust du deinen Augen kaum, doch vor dir siehst du tatsächlich einen riesigen Unterwasserdrachen, der dich aus geschlitzten Pupillen anfunkelt. Wasser rinnt die glänzende Schuppenhaut herunter, die seinen gewundenen Körper bedeckt.
Freudig schlägt dein Begleiter ein paar Salti in der Luft und schwirrt der Kreatur entgegen, um sie zu begrüßen. Da die Stimme des Käfers so leise ist, kannst du nicht verstehen, was er dem schimmernden flügellosen Drachen ins Ohr flüstert.
Es ist allerdings klar, dass die beiden alte Freunde sind oder sich zumindest schon lange kennen. Trotzdem weißt du noch nicht, wie du hierher gekommen bist und was ein gewöhnlicher Mensch hier überhaupt zu suchen hat.
„Ah“, raunt das Ungetüm und richtet seinen wachen Blick auf dich, „du bist auserwählt worden, davon habe ich schon gehört.“
Du verstehst die Welt nicht mehr, doch der Käfer gibt dir einen eindeutigen Wink: Du sollst auf den Rücken des Drachen steigen!
Anschließend beugt sich der gewaltige Schlangenleib zu dir herab und ist jetzt so nah, dass du ihn besteigen könntest. Die ganze Angelegenheit kommt dir etwas rutschig vor, und zudem schwankt der Körper des Drachen wie ein Schiff in einem Sturm.
Kannst du es wagen, dich darauf niederzulassen?
Rings um dich herum ragen die kahlen Höhlenwände auf, doch ein schmaler Weg führt an den Felsen vorbei und scheint trocken und einigermaßen sicher zu sein.
„Na komm“, zischt der Käfer, „wir wollen dir in der angrenzenden Höhle etwas zeigen! Entweder du schwimmst mit meinem Freund hier oder du kletterst bis zu dem Gang dort drüben“, informiert er dich sachlich.
Wie entscheidest du dich?
„Leute!“, stößt du aufgeregt hervor, „ist euch überhaupt klar, dass das Ding gar nicht mehr funktioniert?“ Mit gespielter Sorge im Gesicht kommt Max auf dich zu: „Ach, du hast Angst. Guck mal, ich sehe keinen einzigen Riss! Der Typ hatte nur Pech!“
Du kannst die Schadenfreude in seiner Stimme hören und bist ganz und gar nicht überzeugt. Bevor du dazu kommst noch etwas zu sagen, zu erklären, wie gefährlich das ganze ist, wendet sich Max wieder von dir ab.
„Es ist nicht schlimm, wenn du Angst hast. Ich finde sowieso, Leon sollte es machen!“
„Wieso Leon?“, fragt Jannis, allerdings scheint er nicht gerade scharf auf einen Streit zu sein.
„Auch, Leon wollte doch schon immer mal fliegen!“, schnurrt Max und zeigt seine Zähne.
„Wisst ihr noch, in der vierten Klasse hat er sich immer wie ein Vogel benommen und hat dauernd mit den Flügeln geschlagen. Jetzt kriegt er seine Chance.“
Der schüchterne Junge senkt die Augen und weicht euren Blicken aus. Doch Max hat seine Wahl getroffen und lässt nicht locker.
„Dann stellen wir es auf Youtube.“
Plötzlich steigt eine heiß glühende Wut in dir auf. Warum spielt sich Max eigentlich so auf und redet in diesem herablassenden Ton? Das werdet ihr euch doch nicht gefallen lassen!
„Alles klar, ich wusste, du hast es drauf!“ Geschmeichelt nickst du und gehst ein wenig näher an den Abgrund heran. Es ist ein Schwindel erregendes Gefühl, und du fragst dich, was bei so einem Sturz alles passieren kann.
Leider konntest du Höhen schon immer schlecht einschätzen und weißt nicht, ab wann man sich etwa ein Bein bricht.
„Hey, nicht ohne Fallschirm“, ruft dir Jannis lachend zu. Du kehrst zurück zu eurer kleinen Runde und versuchst, das Risiko einzuschätzen.
„Und, wer wagt es?“, drängt Max, immer noch hämisch grinsend.
„Ich würde ja, aber ich habe mich beim Handballspielen verletzt, und es wäre nicht gut für mein Bein“, versucht sich Jannis in lockerem Ton aus der Affäre zu ziehen. Max sieht ihn schief von der Seite an, sagt aber nichts dazu. Zu eurer Überraschung ist es Jana, die die Hand hebt und mit fester Stimme verkündet: „Ich mache es!“
Scheinbar gibt es ein paar teure Schuhe oder ein Kleid, dass sie um jeden Preis will. Doch Max lächelt sie nur gnädig und etwas verträumt an und flötet: „Ach, eigentlich hatte ich nicht mit dir gerechnet. Ich fände es unglaublich schade, wenn einem netten Mädchen wie dir etwas passieren würde.“
Mit seinen stechend blauen Augen zwinkert er ihr zu, als hätte er plötzlich einen lustigen Einfall gehabt.
„Wisst ihr, ich finde, Leon sollte es machen.“
„Warum Leon?“, fragst du verwundert, doch du bist froh, dass er dich nicht auf dem Kieker hat.
„Leon braucht mal ein Abenteuer, er ist immer so… still und zu nichts zu gebrauchen“, erklärt Max sachlich. „Wenn er fliegen könnte, gäbe es wenigstens einen Grund, ihn zu mögen, so ist er eine Niete. Dann stellen wir es auf Youtube und er wird berühmt.“
Irgendwie tut dir der Junge mit den schmalen Schultern leid, so wie er dasteht und allen Blicken schutzlos ausgesetzt ist. Er scheint nicht zu wissen, was er sagen soll, und du spürst eine plötzliche Wut in dir aufsteigen.
Warum macht Max ihn eigentlich so nieder?
„Dort drüben können wir wohl im Moment mehr erfahren!“ Jana strahlt übers ganze Gesicht, weil du ihr Recht gegeben hast, und wenig später seid ihr drei auf dem Weg. Vorsichtig stehlt ihr euch nach draußen und weiht den misstrauischen Blicken der Lehrer aus. Zum Glück haben sie mit den anderen Schülern alle Hände voll zu tun und bemerken euch nicht.
Natürlich haben viele andere den Tumult genutzt und stehen nicht in Reih und Glied nach Klasse geordnet da, sondern raufen und bewerfen sich mit Bällen oder Schlamm. Was für ein chaotischer Haufen doch hier zur Schule geht, denkst du lächelnd.
Leise und unbemerkt schlüpft ihr durch das Tor zum Pausenhof der Realschule und schlecht zum Volksfestplatz. Mittlerweile ist ein kühler Wind aufgekommen und du fragst dich, was ihr dort vorfinden werdet.
Warum um alles in der Welt sollte ein gewöhnlicher Junge auf die Idee kommen, aus dem Flugzeug zu springen? Die ganze Geschichte ist zu rätselhaft.
Auf dem Weg liest Janis noch einmal die Postkarte und deutet die letzte kaum lesbare Zeile so: „Er ist auf jeden Fall abgerutscht. Deswegen hört der Text mitten im Wort auf und geht in diesen Strich über.“
Diesmal muss ihm seine Schwester Recht geben, und trotzdem klingt ihre Antwort vorwurfsvoll: „Und warum bitte soll er abgerutscht sein?“
Genau das fragst du dich auch und schaltest dich in ihr Gespräch ein, auch, um sie davon abzuhalten, sich weiter zu bekriegen.
„Irgendetwas ist ihm passiert, das ist sicher. Turbulenzen vielleicht?“, mutmaßt du. Doch obwohl der Wind dir heute um die Ohren pfeift, weißt du selbst, dass ein Flugzeug in dieser Höhe niemals von Luftströmen aus der Bahn geworfen werden könnte.
Auch die Zwillinge sind ratlos und zucken mit den Schultern. Als Janis entschlossen verkündet: „Finden wir es heraus!“ hat Jana ausnahmsweise nichts einzuwenden.
Am Volksfestplatz angekommen hältst du nach dem schwarz-gelben Flugzeug Ausschau, das du schon ein paar Mal am Himmel hast kreisen sehen. Bevor ihr das Flugzeug entdeckt, springen dir die Polizeiautos ins Auge. Scheinbar hat Jana recht und das Flugzeug ist bereits von Polizisten umzingelt.
„Oh nein“, stößt Jana atemlos hervor, „jetzt können wir es vergessen!“
Sie hat Recht; die Polizisten werden wohl kaum ein paar Kinder an den Piloten des Flugzeugs heranlassen, den sie gerade befragen.
„Egal, gehen wir näher heran!“, schlägt Janis vor.
Also überquert ihr den leeren Platz, der dir ohne die Jahrmarktsgeschäfte immer so riesig vorkommt und hofft, so etwas Genaueres zu erfahren. Niemand hindert euch daran, denn die vier Polizisten konzentrieren sich darauf, den Mann zu verhören, der etwas hilflos aussieht und eine Frage nach der anderen beantwortet.
Ein paar Meter vom Geschehen entfernt bleibt ihr stehen, immer noch unbeachtet, obwohl ihr keine Deckung habt. Drei Kinder sind auf dem mit Kies bestreuten Platz schwer zu übersehen. So könnt ihr hören, was der Mann den Polizisten
entgegenschleudert: „Ich will zu meinem Sohn! Alles andere kann doch jetzt warten!“
Der Pilot mit dem schütteren braunen Haar und der Fliegerbrille sieht aufgebracht aus und versucht, die Polizisten zur Seite zu schieben. Allerdings lassen sie ihn nicht durch und hören nicht auf seine Einwände.
Eine der Polizistinnen legt beschwichtigend einen Arm auf seine Schulter und redet auf ihn ein: „Um ihren Sohn kümmert sich bereits jemand. Machen Sie sich keine Sorgen. Wir haben ein paar Fragen an Sie.“
Seufzend willigt der Mann ein, doch die Sorge um den Jungen steht ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Ihr drei Lauscher wechselt einen Blick, als sich einer der stämmigen Plizisten von der Gruppe löst und auf euch zukommt.
„Und was habt ihr hier zu suchen?“
Zuerst ziehst du in Erwägung, zu lügen, doch dir fällt kein Vorwand ein, warum du auf den leeren Platz kommen musstest. Also bleibt dir nichts anderes übrig, als die Wahrheit zu sagen: „Wir wollen den Piloten verhören.“
Statt euch auszuschelten, lacht der Polizist, sodass sein hervorstehender Bauch auf und ab hüpft.
„Verhören? Das glaube ich nicht. Ihr geht jetzt schnurstracks zurück zur Schule!“
„Mist“, flucht Janis beinahe unhörbar.
Genau so etwas hast du erwartet, aber es muss doch eine Möglichkeit geben, an den Mann heranzukommen.
Es ist Jana, die ihn mit ihren großen Augen bittend ansieht und schließlich überredet. „Wir machen uns Sorgen“, fleht sie und sieht dabei so niedlich aus, dass der Beamte gar nicht anders kann.
„Na gut, dann hört eben zu. Aber lasst uns die Fragen stellen. Der Mann hat schon genug um die Ohren.“
Da hat er Recht, denn der Pilot sieht ganz und gar nicht glücklich mit der Situation aus. Ohne darauf Rücksicht zu nehmen, sieht ihm einer der Polizisten prüfend ins Gesicht und fragt leise, aber bestimmt:
„Was ist geschehen und warum lassen Sie Ihren Sohn in einem dafür ungeeigneten Gebiet Fallschirm springen?“
Auch, wenn die Anklage nur leicht aus den Worten des Polizisten zu hören ist, sieht der Vater des Jungen verzweifelt aus. Er hebt die Hände und verteidigt sich kopfschüttelnd:
„So war das nicht geplant. Eigentlich sollte er mich nur begleiten, er ist noch nie geflogen, wissen Sie. Den Fallschirm haben wir nur für Notfälle dabei.“
Ihr drei spitzt die Ohren und haltet euch im Hintergrund, als der vierte Polizist, ein hagerer Mann mut Schnauzbart, ihn anfaucht: „Und wie kommt es dazu, dass wir das Kind mit ebendiesem Fallschirm auf einem Schulgelände finden? Er hätte sich schwer verletzen können!“
Die blonde Frau legt ihrem aufbrausenden Kollegen eine Hand auf den Arm und hält ihn davon ab, noch mehr zu sagen. „Das hat er nicht“, beruhigt sie den Piloten, der erleichtert aufatmet.
„Trotzdem muss ich jetzt zu ihm!“, drängt er und ist kurz davor, den Polizisten wegzustoßen, das siehst du ihm an. „Einen Moment noch“, bittet der kräftige Polizist, „warum ist ihr Sohn nun gesprungen? Beschreiben Sie genau, was passiert ist.“
Der Mann seufzt und lehnt sich an die Außenwand seines Flugzeugs, das doppelt so hoch ist wie er. Auf dem Banner, das jetzt zusammengeknüllt im Kies liegt, prangt der Name des Zirkus: „Flak-Flik“. Schon immer waren seine Künstler für ihre halsbrecherischen Performances bekannt und es stimmt dich traurig, dass ausgerechnet aus einem ihrer Werbeflugzeuge ein Junge stürzen sollte.
„Weiß Gott, warum der Junge gesprungen ist“, setzt der Mann an und sieht dabei so mitgenommen aus, dass es wehtut, hinzuschauen.
„Im einen Moment sitzt er am Fenster und genießt die Aussicht. Er hat sich so lange auf diesen Flug gefreut, wissen Sie. Ich glaube, er hat seinen Freunden eine Karte geschrieben, so aufregend war es für ihn.“
Bei diesen Worten werdet ihr hellhörig und deine Hand wandert zu der Postkarte in deiner Jackentasche.
„Und auf einmal“, fährt der Vater des Jungen fort, „steht er da und holt seelenruhig den Fallschirm aus seinem Fach. Dann schnallt er sich ihn um, macht die Tür auf und springt. Ich konnte nicht glauben, was ich da gesehen habe.“ Ungläubig sehen die Polisten ihn an und runzeln die Stirn, sogar die freundliche Frau.
„Sie wollen uns allen Ernstes verkaufen, dass der Junge von selbst auf diese Schnapsidee gekommen ist“, zetert der Mürrische mit dem Schnauzer.
„Ich weiß es ja auch nicht.“ Der Vater wirft die Hände in die Luft. „Als nächstes hat der Schirm Feuer gefangen, weil er zu nah an den Turbinen abgesprungen ist. Dabei habe ich ihn doch für Notfälle so gut vorbereitet. Es ist mir ein Rätsel, wie das passieren konnte!“
Damit scheint alles gesagt zu sein, denn der Mann schweigt und hält den skeptischen Blicken der Männer stand.
„Nun gut“, verkündet die Frau und notiert seine Antworten, „wir haben genug gehört, gehen wir doch zum Absturzort und hören uns die Aussage des Jungen an.“ Ihre Kollegen sind alle einverstanden und wenden sich zum Gehen. Auch der Vater schließt sich ihnen an, erleichtert, nach seinem Sohn sehen zu dürfen.
Ohne den Jungen aus den Augen zu lassen, überprüft ihr die Lage auf dem Pausenhof. Überall stehen Polizisten, die sich mit Lehrern unterhalten, während der Junge von zwei Schülern in weiß-roter Kleidung auf einer Bahre zum Krankenzimmer gebracht wird.
Die Schulsanitäter bahnen sich einen Weg durch die Menge und stoßen neugierige Zuschauer und Gaffer sanft aber bestimmt beiseite. Auf der Bahre liegt der Junge, dessen Augen immer noch geschlossen sind.
Darauf bedacht, die anderen nicht auf euch aufmerksam zu machen, flüsterst du Janis und Jana zu: „Ihnen nach! Wir müssen herauskriegen, was passiert ist!“
Die beiden stimmen dir zu, ausnahmsweise ein Herz und eine Seele. Gemeinsam heftet ihr euch an die Fersen des Jungen, der von zwei Lehrern und einem Polizisten begleitet wird.
Irgendwann müssen sie ihn doch alleine lassen, damit er seine Ruhe hat, überlegst du. Das ist dann eure Chance, mit ihm zu sprechen. „
„Hoffentlich wacht er überhaupt auf“, wispert Jana besorgt. Da hat sie allerdings recht, denn mit den matt an seiner Stirn klebenden Haaren sieht der Junge wirklich nicht sehr gesund aus.
Verstohlen schleicht ihr euch hinter ihnen her bis zum Schulhaus und drückt euch an eine Wand.
Sobald die Polizisten zu den anderen zurückkehren, wagt ihr euch ein Stück vor. Die beiden Sanitäter stehen in der Tür des Raums und sehen sich ein wenig ratlos an.
„Er schläft, es geht ihm so weit gut, oder?“, fragt das Mädchen ein wenig unsicher.
„Ja, wir haben unsere Arbeit getan. Wir können ihn untersuchen, wenn er aufwacht. Das Beet hat den Aufprall abgeschwächt, er hat sich nichts gebrochen und schlimme Verbrennungen hat er auch keine“, antwortet der Junge und beobachtet sie mit großen Augen, „drehen wir doch eine Runde durchs Schulhaus.“
Der ältere Sanitäter beugt sich zu dem Mädchen herab und wickelt eine ihrer Haarsträhnen um den Finger. Obwohl sie den Blick nicht abwenden kann, murmelt sie etwas, das du nicht genau verstehen kannst, doch du meinst, das Wort „Pflicht“ herauszuhören.
Jana sieht dich verschwörerisch an, mit leuchtenden Augen: „Sie mögen sich!“
Das siehst du auch, doch werden sie das Kind deswegen alleine lassen?
Schließlich gelingt es dem Jungen, sie zu überzeugen, indem er ihr zuraunt: „Ach, es kann doch nichts passieren. Der schläft jetzt ein bisschen und dann sehen wir nach ihm.“ Du kannst den inneren Kampf des Mädchens regelrecht mitverfolgen. Einerseits möchte sie das richtige tun, andererseits wäre ihr nichts lieber, als mit dem Jungen zusammen zu verschwinden.
Nach einem weiteren Blick auf den Jungen seufzt sie, zieht die Tür des Raums zu und vergisst ihre Rolle als Sanitäterin, in dem der Junge über ihre Wange streicht und sie an der Hand davonzieht.
Janis verfolgt das Geschehen argwöhnisch, während Jana eure Chance wittert.
„Sie haben vergessen, abzuschließen!“, zischt sie euch aufgeregt zu.
Tatsächlich lässt sich die Tür ohne Probleme öffnen, als die beiden außer Sichtweite sind. Auch die Lehrer sind nirgendwo zu sehen und du kannst kaum glauben, dass man den verletzten Jungen alleine gelassen hat. Glück für euch! Leise betretet ihr den leicht abgedunkelten Raum und seht euch um.
„Ich musste einmal hierher, als mir ein Ball an den Kopf geflogen ist“, meint Janis, doch seine Schwester legt einen Finger an die Lippen und befiehlt ihm, leise zu sein.
Du machst den ersten Schritt und trittst bis an die Liege vor, auf der der Junge ruht, die Arme reglos neben sich ausgestreckt. Für einen Moment erschauderst du und bekommst Zweifel.
Was tut ihr hier eigentlich? Solltet ihr ihn nicht lieber in Ruhe lassen, so erschöpft, wie er da liegt? Andererseits haben ihn auch die Lehrer und Sanitäter im Stich gelassen. „Kommt“, raunst du und winkst deine Freunde näher heran. Ihr drei bezieht Stellung neben der Liege, Jana am Kopfende, du an der Seite und Janis zu seinen Füßen.
Wie lange ihr so dasteht, stumm und bewegungslos, weißt du nicht. Die einzigen Geräusche im Raum sind das ruhige Atmen des Jungen und eure nervösen Bewegungen, wenn ihr glaubt, die Schritte der Polizisten zu hören.
Nach einer gefühlten Ewigkeit ist es so weit: Der Junge schlägt die Augen auf.
Zuerst huschen sie im Raum umher, bleiben für einen Moment an dir hängen und mustert dann Janis, doch dann gewinnen sie an Schärfe. Der fremde Junge scheint keine Angst zu haben und lächelt.
Jana entfährt ein aufgeregter Laut, woraufhin du sie vorwurfsvoll ansiehst. Doch es ist zu spät: Der Junge hat ihre Anwesenheit hinter sich bemerkt. Trotzdem bleibt er merkwürdig gelassen und lächelt weiter still in sich hinein. Da er keine Angst vor euch hat, und auch keine Anzeichen von Schmerzen zeigt, wagst du es, ihn anzusprechen.
„Hallo, du bist aufgewacht. Kannst du uns erzählen, was passiert ist?“
Erst jetzt zeigt der Junge eine Regung und schaut dir richtig ins Gesicht, das er im Halbdunkel wohl nicht genau erkennen kann.
„Aufgewacht? Dann ist das hier kein Traum?“
Ihr drei starrt ihn verwirrt an. Was meint er bloß damit?
„Nein, du bist aufgewacht“, flüstert Jana sanft und streicht ihm das Haar zurück. Diese fürsorgliche Seite an ihr kennst du gar nicht, doch sie scheint sich ernsthaft um ihn zu sorgen.
„Du bist in Sicherheit, du hast überlebt!“, fügt sie hinzu, doch er scheint sie nicht zu verstehen.
„Das ist doch ein Traum?“
Du überlegst, in welchem Alter der Junge sein könnte. Erst jetzt fällt dir auf, wie viel jünger als ihr er sein muss. Gerade, weil er so klein und schmächtig ist, haben die Pflanzen seinen Fall genug gebremst, um ihn vor schlimmeren Verletzungen zu bewahren.
Plötzlich versucht er, sich aufzusetzen, doch dazu ist er noch zu steif und seine Prellungen zu frisch. Kraftlos sinkt er ins Kissen zurück und flüstert: „Es ist ein Traum. Ich kann tun, was ich will, ich kann euch verschwinden lassen, aber ihr könnt meinetwegen bleiben. Ich könnte auch fliegen.“
Manche seiner Worte sind kaum verständlich, so geschwächt ist er, doch er scheint sich sicher zu sein, dass er träumt. „Was redet er nur für wirres Zeug?“, fragt Janis, doch Jana bringt ihn mit einem bösen Blick zum Schweigen.
Erschöpft, aber ununterbrochen plappert der kleine weiter: „Ich könnte durch die Wand laufen oder das Licht ausschalten. Vorhin bin ich geflogen“, erzählt er euch stolz.
Wieder ist Jana zur Stelle, tätschelt seine Wange und erklärt ihm: „Nein, du bist gefallen. Aber dir ist nichts schlimmes passiert, hab keine Angst.“
Janis steht die Verwirrung deutlich ins Gesicht geschrieben. „Was hat der nur?“, fragt er dich, doch du gehst nicht darauf ein.
Du merkst, wie die Augen des Jungen immer schwer werden und schließlich wieder zufallen. Das letzte, was du von ihm hörst ist „Nur ein Traum“. Dann dreht sich sein Kopf ruckartig zur Seite und er beginnt zu schnarchen.
Ratlos steht ihr drei da, während Jana ihre Hände sinken lässt. „
“Das war’s dann wohl mit den Fragen“, murrt Janis und wendet sich zum Gehen.
Jana scheint entschlossen, hier zu bleiben und beobachtet den schlafenden Jungen.
„Wir können ihn doch nicht alleine lassen…“ Gerne würdest du ihr zustimmen, aber eigentlich habt ihr als Schüler hier nichts zu suchen.
„Komm schon, gehen wir, bevor wir noch erwischt werden.“ Trotzig wirft sie ihm einen letzten Blick zu und folgt euch dann durch das dunkle Zimmer. Du kannst nicht glauben, wie viel Glück ihr heute habt.
Kaum seid ihr um die Ecke des nächsten Korridors verschwunden, kommen die beiden verliebten Sanitäter zurück, um nach dem Patienten zu sehen. Ihr drei presst euch an die Backsteinwand und atmet scharf ein.
„Das war knapp! Schnell, nach draußen, wir dürfen nicht gesehen werden!“, weist du die anderen an und eilst zur nächsten Tür nach draußen.
Zum Glück bleibt ihr unbemerkt und könnt euch einfach wieder unter die Leute mischen. Im Pausenhof, wo es immer noch von Schülern und Lehrern wimmelt, ist die Hölle los.
Mittlerweile reden alle über den abgestürzten Jungen und wollen zu ihm vorgelassen werden und die Lehrer können die Schnüffler nur mit Mühe bändigen. An vielen Türen stehen nun Teams aus Lehrern und Polizisten, die neugierige Schnüffler vor dem Jungen fernhalten sollen.
„Da haben wir aber Glück gehabt“, meint Jana, und tatsächlich habt ihr genau den richtigen Moment abgepasst.
Doch was wirklich geschehen ist, wisst ihr immer noch nicht. Aus den Antworten des Jungen wird man einfach nicht schlau. Ratlos stehst du im Pausenhof, siehst die anderen an und grübelst.
„Was ist mit dem Vater des Jungen?“, platzt Jana in deine Überlegungen, „sollen wir einmal selbst mit ihm reden?“
Neugierig folgst du der Richtung des Geräusches und näherst dich dabei dem goldenen Tempel. Da, schon wieder! Irgendwo zwischen den üppigen Blättern eines Baumes vernimmst du wieder den seltsamen Schrei.
„Was ist das?“, rufst du dem Käfer zu, doch der ist außergewöhnlich still und steht in der Luft wie ein winziger Helikopter. Etwas an seinem Verhalten macht dir Sorgen, denn sonst hat er immer einen schnippischen Spruch parat.
Vorsichtig tastest du dich voran und hältst nach allen Seiten Ausschau. Als du nur noch ein paar Meter von dem eindrucksvollen Gebäude entfernt bist, schießt plötzlich etwas über deinen Kopf hinweg.
Überrascht springst du auf und siehst nach oben: Du hast alles erwartet, bloß nicht, aus der Luft attackiert zu werden! Mit voller Geschwindigkeit hält ein riesiges geflügeltes Wesen auf dich zu. Was es ist, kannst du nicht genau sagen, denn du hältst nur schützend die Hände vors Gesicht.
Zum Glück greift es dich nicht an, sondern macht vor dir halt. Unruhig flattert es auf und ab und blickt auf dich herab. Du hast es mit einer riesigen gefiederten Schlange zu tun, deren gewundener Leib sich aufbäumt und zuckt. Sein klaffendes Maul schnappt auf und zu und es sieht dich neugierig aus zwei gelb leuchtenden Augen an.
„Wer…“, hebt das Wesen die schrille, durchdringende Stimme, „…bist du?“
Der Vorwurf ist deutlich herauszuhören, und du merkst, dass es von deiner Anwesenheit überrascht ist.
„Ich… ich frage dich dasselbe…“, stammelst du, „wer oder was bist du?“
An seinem ganzen Körper funkeln vielfarbige Schuppen, wobei Gold überwiegt. Bei deinen Worten kreischt es erbost auf und fixiert dich mit seinem Schlangenblick.
„Du weißt nicht, wer ich bin“, wiederholt es ungläubig und so laut, dass es dir durch Mark und Bein geht.
Verlegen schüttelst du den Kopf. Scheinbar solltest du wissen, mit wem du es zu tun hast. So, wie sich die geflügelte Schlange aufplustert, scheint sie wohl hier zu regieren oder zumindest einen hohen Rang zu bekleiden.
Du siehst Hilfe suchend zum Monsterkäfer, doch der befindet sich immer noch in einer Art Schockstarre und bewegt sich kaum, bis auf ein paar träge Flügelschläge.
Wütend zeigt das Wesen seine Zähne und brüllt: „Ich bin Quetzalcoátl! Sohn der Sonne und der Erde. Es gibt kein mächtigeres Geschöpf als mich.“
Seine Augen scheinen dich wie Lanzen aus goldenem Licht zu durchbohren und du kannst nicht anders, als den Kopf zu senken. Alles an dem Wesen glänzt und schimmert so hell, dass es beinahe wehtut.
„Ja, so ist es richtig. Verneig dich vor mir, so wie es sich gebührt!“
Seine Worte haben eine ebenso große Macht auf dich wie sein Schuppenkleid, und du kannst gar nicht anders, als auf die Knie zu fallen. Zufrieden erlaubt dir die Schlange, dich aufzurichten und verliert wieder ein wenig von ihrer Bedrohlichkeit. Es kommt dir vor, als könnte das Wesen seinen magischen Einfluss auf dich auf und abdrehen, wie bei einem Dimmer am Lichtschalter.
Plötzlich fällt sein Blick auf das kleine Insekt in der Luft. Voller Verblüffung und Ärger speit es die Worte aus: „Du auch! Verneig dich! Weißt du überhaupt, wer ich bin?“ Der Atem, der aus den Nüstern der goldenen Schlange dringt, trifft den Käfer und bringt ihn ins Trudeln.
„Aber wie… Ich kann mich doch gar nicht verbeugen“, erklingt sein leises Stimmchen und du merkst, dass dein Begleiter panische Angst hat. So kennst du ihn gar nicht, den neunmalklugen, schadenfrohen Käfer.
Queztalcoatl schnaubt bloß verächtlich und lässt einen hektischen Purzelbaum des Käfers schließlich als Verbeugung gelten.
„Meine Besucher, wo auch immer ihr herkommt“, richtet das göttliche Wesen wieder das Wort an euch, „mein Herz ist der Morgenstern und meine Macht grenzenlos“
Scheinbar gefällt es der Kreatur, sich selbst zu inszenieren und ein wenig anzugeben. Du musst allerdings zugeben, dass es eine wirklich beeindruckende Erscheinung ist. Seine ausgebreiteten Flügel sind mit glänzenden, weich aussehenden Federn bespickt. Du fragst dich wirklich, wie ein solches Geschöpf entstanden ist. Im Biologiebuch steht jedenfalls nichts zu seiner Evolutionsgeschichte.
Ohne eure Antwort abzuwarten, redet Quetzalcoátl weiter: „Die Menschen verehren mich so sehr, dass sie mir immer wieder Blumen und Schmetterlinge opfern. Kommt, ich zeige euch das Opferfeld.“
Mit einem gewaltigen Flügelschlag dreht es sich um und fliegt in Richtung Tempel. Ihr folgt ihm schweigend, genau wie es von euch erwartet wird. Inzwischen hat sich der Käfer wieder beruhigt und murmelt: „Weißt du, ich habe größten Respekt vor allem, was fliegt.“
Du nickst verständnisvoll, kannst aber ein Kichern nicht unterdrücken. Natürlich hat der Monsterkäfer Angst, sicher wurde er schon von zu vielen Vögeln angegriffen. Bald steht ihr vor dem wunderschönen goldenen Gebäude, das Quetzalcoátl einen gellenden Schrei entlockt.
„Seht, was die Menschen mir gebaut haben! Das ist der Kukulcan-Tempel, nach einem meiner vielen Namen benannt.“ Du kannst gar nicht aufhören, die goldenen Terrassen an den Wänden der Pyramide zu bewundern, doch euer Ziel ist ein anderes. Ein paar Meter weiter mündet der Wald in eine kleine Lichtung, die von einem Meer aus bunten Blumen bedeckt ist.
Es ist ein wunderschöner Anblick, doch zuerst fällt dir etwas anderes auf: Mitten auf dem Feld steht ein Ungeheuer, das Quetzalcoátl schon zu erwarten scheinst. Du kannst die Wut deutlich hören, als Quetzalcoátl euch erklärt: „Meine Besucher, das ist Tezcatlipoca, mein Bruder und größter Feind. Was für eine Schande, dass ihr ihm begegnen müsst.“ Mit einem zornigen Schrei stürzt er sich seinem Bruder entgegen und funkelt ihn angriffslustig an.
Das andere Wesen hat eine beinahe menschliche Gestalt und trägt ein Leopardenfell als Umhang. Sein Kopf allerdings ist hundeartig, vielleicht der eines Schakals. Die Verwandtschaft zu der geflügelten Schlange kannst du jedenfalls nicht sehen. Von Tezcatlipoca geht ebenfalls eine Aura der Macht aus, sie ist jedoch schwächer als die Quetzalcoátls. Du hast nicht das Bedürnis, dich zu verneigen, doch auch seine Gestalt, die Finsternis und Schatten auszustrahlen scheint, zieht dich in den Bann.
Während die beiden sich feindselig anstarren, bleiben der Käfer und du am Rand der Lichtung, um sie zu beobachten.
Du beschließt, nicht auf das schrille Kreischen zu achten, denn im Urwald gibt es bestimmt exotische Vögel, die solche Rufe ausstoßen, und gehst auf den Tempel zu. Immer noch kannst du den Blick nicht von seinen goldenen Wänden nehmen und staunst allein schon über seine schiere Größe. Es muss die Menschen hier Jahre gekostet haben, das Bauwerk zu errichten.
„Wozu ist der Tempel gut?“, fragst du den Käfer, der sich ziemlich gut auszukennen scheint.
„Das ist der Kukulcan-Tempel“, erklärt er mit einer ungewohnten Ehrfurcht in der Stimme, „er wurde für den Schöpfergott der Maya, Kukulcan oder Quetzalcoátl, errichtet.“
So, wie der Käfer über ihn spricht, muss dieser Gott ziemlich furchteinflößend sein.
„Moment mal, gibt es ihn wirklich?“, hakst du nach, denn du hast immer geglaubt, dass die ganzen indigenen Völker an Götter glaubten, die nichts als reine Erfindung waren. Jetzt sieht der Käfer dich ungläubig an und zeigt dir seine scharfen Zähne.
„Hast du mittlerweile nicht gemerkt, dass es nichts gibt, das unmöglich ist? Warum sollte es also keine Maya-Gottheiten geben?“
Er hat Recht, überlegst du, denn nach seinem Auftritt und deinem magischen Übertritt in eine längst vergangene Zeit sollte dich nichts mehr überraschen. Mittlerweile steht ihr direkt vor dem sagenhaften Gebäude, das dir schlichtweg den Atem raubt.
Die quadratischen Plattformen, aus denen die Pyramide gebaut ist, werden nach oben hin immer kleiner. Irgendwo muss es hier doch einen Eingang geben. Du umrundest eine Ecke des Tempels und wischst dir über das Gesicht.
Auch der Käfer scheint unter der Hitze zu leiden, er brummt nämlich ziemlich träge neben dir her, viel energieloser als sonst.
Du kannst auf der glatten Oberfläche der reflektierenden Wände einfach keine Tür ausfindig machen und läufst lautlos immer weiter. Irgendwann entdeckst du eine Statue, die hoch über dir aufragt. Sie stellt eine geflügelte Schlange dar. Die Skulptur ist hervorragend gearbeitet. Fast scheint es dir, als könnte das riesige Reptil mit den mächtigen Schwingen jede Sekunde zum Leben erwachen. Sein aus dunklem Stein gehauener Leib ist von unten bis oben mit Schuppen übersät. Wie wunderschön muss so ein Wesen erst in echt sein. Der Käfer bemerkt deinen neugierigen Blick und beginnt ungefragt zu erzählen: „Das ist das Ebenbild des Gottes. Man sagt, Quetzalcoátl sei der Sohn der Sonne und der Erde.“
Dir entgeht das Beben in seiner Stimme nicht und wieder fragst du dich, woher diese Ehrfurcht plötzlich kommt. Seit ihr euch dem Tempel genähert habt, schient der Käfer wie in Stein verwandelt.
Mittlerweile habt ihr die gegenüberliegende Seite des Tempels erreicht, der jetzt zwischen euch und dem Urwald liegt. Dies muss die Vorderseite des Bauwerks sein, so viele Säulen, wie hier stehen.
„Sieh mal“, raunt der Käfer, „der Eingang!“ Er hat Recht!
In diese Wand der Pyramide ist eine breite Treppe eingelassen, die bis zur Spitze führt. Ganz oben entdeckst du eine rechteckige Seitentür.
„Na dann mal los!“, schlägst du vor und machst dich auf einen langen Weg nach unten gefasst.
Plötzlich legt sich eine Hand von hinten auf deine Schulter. Du unterdrückst einen Aufschrei und fährst herum. Vor dir steht eine Gestalt, die nicht Mensch ist, aber auch nicht Tier. Sie trägt einen Umhang mit Leopardenmuster und sieht dir neugierig ins Gesicht.
„Wer… wer oder was bist du?“, stammelst du benommen. „Ich“, erklärt das Wesen, „bin Tezcatlipoca, der Gott der Nacht. Willkommen in Chichen Itzá.“
Bevor du antworten kannst, atmest du erst einmal tief durch. Scheinbar will dir dieses seltsame Geschöpf nichts Böses. Es besitzt zwar eine tierische Schnauze und ähnelt einem Wolf oder Schakal, geht aber auf zwei Beinen und spricht deine Sprache.
Wie das geht, weißt du auch nicht, doch heute stellst du lieb er nichts mehr in Frage.
„Chichen Itzá“, wiederholst du etwas benommen.
„Ja, das ist der Name dieser Stadt“, gibt der Käfer von sich und wendet sich dem Gott zu: „Vielen Dank, großer Tezcatlipoca. Wir freuen uns, hier sein zu dürfen.“ Das Wesen nickt und sieht dich aus aufmerksamen, gelb funkelnden Augen an.
„Ich habe die Gabe, in die Zukunft zu sehen“, verkündet es. „Vor kurzem erfuhr ich von einem Menschen, den es hierher verschlagen sollte. Dieser Mensch soll aus der Zukunft kommen.“
Rasch nickst du und deutest auf dich selbst. „Das bin ich“, platzt du heraus. Mit einem musternden Blick fügt Tezcatlipoca hinzu: „Allerdings kann ich mir nie sicher sein, wen ich vor mir habe. Zu oft schon hat mich mein Bruder Quetzacoátl mit seinen Tricks zu täuschen versucht. Kannst du beweisen, dass du aus der Zukuft kommst?“
Für einen Moment musst du überlegen. Ist deine Kleidung nicht genug, um zu zeigen, dass du nicht aus dieser Zeit kommst? Doch dann fällt dir etwas ein: Du ziehst dein Handy hervor und zeigst ihm das leuchtende Display. Beinahe kriegst du Angst, dass er es dir stehlen möchte, so sehr weiten sich seine Augen beim Anblick des Geräts.
„Wahrlich beeindruckend“, murmelt er und sieht dich an, ein wohlwollendes Strahlen im Gesicht: „Man wird dich als Gott verehren…“
Verwirrt legst du den Kopf schief und bemerkst, dass der Käfer plötzlich nicht mehr umherfliegt, sondern zitternd in der Luft stehen geblieben ist.
„Etwas ist im Anmarsch“, zischt er dir zu.
„Oh… Es muss Quetzalcoátl sein“, vermutet der Gott der Nacht und du kannst den Unmut in seiner Stimme hören. Diese Brüder müssen aber ganz schon verfeindet sein. Irgendwie ungleich kommen sie dir auch vor – Ein Jaguarmensch und eine fliegende Schlange.
„Kommt mit, ich zeige euch das Opferfeld“, verkündet er gelassen.
„Opfer?“, hakst du nach.
„Die Menschen opfern Quetzalcoátl Blumen und Schmetterlinge“, erkärt er und klingt nicht, als wäre er davon begeistert. Schweigend läuft er voraus und führt euch zu einer Lichtung, die an das Tempelgebäude grenzt.
Es ist eine Wiese, die von unzähligen Blumen bedeckt ist, in kleinen und großen Haufen aufgestapelt. Jetzt siehst du auch, was den Käfer so in Unruhe versetzt hat: Mitten auf dem Feld fliegt Quetzalcoátl, der dir in Wirklichkeit noch erhabener und prächtiger vorkommt, aber genauso furchteinflößend.
Sein Körper schillert in allen Farben des Regenbogens und strahlt so hell, dass du dir die Hand vor Augen halten musst. Er scheint nicht gerade erfreut, seinen Bruder zu sehen und fliegt erbost auf ihn zu.
„Ah, ein Mensch“, kommentiert er deine Ankunft, scheint sich aber nicht weiter für dich zu interessieren. Die beiden gehen langsam aufeinander zu und starren sich dabei wütend an. Zusammen mit dem verängstigten Käfer bleibst du am Rand der Lichtung zurück und siehst dem Streit zu, der sich zwischen den beiden anbahnt.
Du traust den wogenden Wellen des Sees einfach nicht und hast keine Lust, nass zu werden. Soll der Käfer doch denken, was er will, der Drache ist dir als Fortbewegungsmittel nicht ganz geheuer! Du wirst den schmalen Weg entlang der Felswand nehmen und hoffen, dass du nicht das Gleichgewicht verlierst. „Wie du wünschst, mein liebes Menschlein!“, spottet der Marienkäfer über deine Entscheidung und schwirrt an deine Seite, nachdem er ein paar geflüsterte Worte mit dem Drachen gewechselt hat.
Der Drache nickt verständnisvoll und verschwindet wortlos wieder in den Fluten des Unterwassersees, allerdings nicht ohne dir noch einmal aus stechend gelben Augen hinterher zu sehen.
Dir läuft ein Schauer über den Rücken, dann wendest du dich dem Felsvorsprung zu, der dir nun gar nicht mehr so ungefährlich vorkommt. Der Käfer weist dich darauf hin, dass du eine verbindliche Wahl getroffen hast: „Jetzt ist es zu spät, nun musst du diesen Weg nehmen.“
Tatsächlich entdeckst du keine Spur des Drachen und weißt, dass er Recht hat. Entweder, du schaffst es oder du kehrst um, was in diesem düsteren Labyrinth gar nicht so einfach scheint.
Nach einem weiteren Blick auf die Wogen des Sees, die von bläulichen Lichtern erhellt werden, atmest du noch einmal tief durch und kraxelst los.
Zuerst steigt der Weg nur sanft an und du kannst in normaler Geschwindigkeit gehen, doch dann steigt der Weg an und du merkst, dass du stolperst, wenn du deine Füße nicht vorsichtig aufsetzt. Behutsam achtest du auf jeden Stein, der dir locker vorkommt, und arbeitest dich langsam vor.
Erst, als dich das Surren des Käfers ganz nah an deinem Ohr erschreckt, fährst du herum und merkst, wie hoch der Felsvorsprung überhaupt ist. Aus einer schwindelerregenden Höhe blickst du auf die Fluten des Sees herab.
Beinahe verlierst du das Gleichgewicht und musst dich an einem Felsvorsprung festhalten. „Nicht hinuntersehen“, zischt es an deinem Ohr. Das weißt du ja auch, denkst du dir.
Trotzdem schnellen deine Augen unwillkürlich hinunter, versuchen einzuschätzen, wie weit der Weg nach unten ist. Dabei strauchelst du wieder und stützt dich mit beiden Handflächen an der Felswand ab. Der Abgrund scheint dich magisch anzuziehen, und ohne es zu wollen, stehst du plötzlich ganz nah an der Kante und spürst, wie dir schwindelig wird.
Hilfesuchend siehst du zum Käfer, der ein Stück hinter dir fliegt, doch du kannst den roten Punkt kaum ausmachen. Stattdessen merkst du, wie weit und hoch du bereits geklettert bist: Nun gibt es wirklich kein Zurück mehr, denn der Weg nach unten sieht noch tausendmal rutschiger aus als der, der vorwärts führt.
Im Halbdunkel kannst du nicht erkennen, wie weit der Weg noch führt doch es ist deine einzige Chance. Aber egal, wie sehr du dich dazu zwingst, weiterzugehen, du siehst immer wieder hinunter und schließt die Augen, um nicht zusammenzubrechen. Wie gerne würdest du dich jetzt einfach irgendwo hinlegen und erst mal tief durchatmen, doch hier ist ganz bestimmt nicht der richtige Ort dafür.
Eine Weile bleibst du so stehen, hast schon fast die Hoffnung aufgegeben, doch dann ist plötzlich der Käfer an deiner Seite und sieht gar nicht mehr verächtlich aus. Auch seine Zähne kommen dir nicht mehr so spitz und gefährlich vor. „Folge mir einfach“, bedeutet er dir und flattert langsam vor dir her.
Du schluckst noch einmal und tust dann, was er sagt, machst kleine Schritte und schaust nicht mehr in den Abgrund. Alles, was du hören kannst, ist das Plätschern des Wassers und dein lautes Herzklopfen.
Bumm, bumm.
Irgendwie kommst du in einen Rhythmus und setzt stur einen Fuß vor den anderen. Du konzentrierst dich nur darauf und bleibst nicht stehen, sonst wäre alles wieder dahin. So gelingt es dir, bis zu einem breiteren Stück zu klettern, wo du wieder bequem laufen kannst.
Aufmunternd umrundet der Käfer einmal deinen Kopf. „Siehst du, es geht doch.“
Mit neuem Mut läufst du das letzte Stück entlang und entdeckst ein paar Meter weiter einen Tunneleingang. „Sind wir hier richtig?“, fragst du leise und merkst, dass du deine Stimme lange nicht mehr benutzt hast.
„Ja“, antwortet der Käfer nur und führt dich durch den dunklen Tunnel, der vom See wegführt.
Im dunklen Dämmerlicht kannst du kaum etwas erkennen, doch die Flügelschläge des Käfers leiten dich. Am Ende des Gangs öffnet sich eine riesige Höhle, noch größer als die, aus der ihr kommt.
Du kannst nicht anders, als zu staunen: „Wow!“
Anders als der andere Raum liegt dieser nicht ganz unter Wasser. Ihr steht im Trockenen, doch vor euch liegt ein weiterer See, dessen Wasser von den blauen Lichtern nur so wimmelt. Weiter vorne kannst du eine steinerne Brücke erkennen, die zu einer Plattform führt. Daneben entdeckst du den Wasserdrachen, der euch scheinbar auf einem anderen Weg hierher gefolgt ist.
Was haben er und der Käfer nur mit dir vor?
„Du wirst nun geprüft“, verkündet das Insekt und beide sehen dich erwartungsvoll an.
„Was muss ich tun?“
Diesmal antwortet er dir, bleibt aber trotzdem vage: „Frag nicht so viel! Du wirst es dann schon sehen!“
Der uralte Drache stimmt ihm nur zu und schwenkt seinen Kopf in Richtung Brücke. 
“Tritt vor, junger auserwählter Mensch. Alles was du tun musst, ist diese Brücke zu überqueren.“
Du fasst dir ein Herz und machst einen großen Schritt vorwärts, bevor du es dir noch anders überlegen kannst.
Du kletterst langsam und vorsichtig auf den Rücken des Drachen und passt auf, nicht an den glitschigen Schuppen abzurutschen. Dabei beobachtet dich der Drache aus seinen wachsamen Augen und taucht unter, sobald du deinen Halt gefunden hast.
Es fühlt sich seltsam an, auf dem Oberkörper des Wesens zu sitzen und ist mit nichts zu vergleiche, was du je erlebt hast. Jeder Muskel des Drachen ist angespannt und als er zu dir herabblickt und sich vom Ufer abstößt, spürst du die wankende Bewegung am ganzen Körper.
Das Tier gleitet mit einer stillen Eleganz durch das Wasser und du fragst dich, wie es sein kann, dass es gerade dich auf seinem Rücken reiten lässt.
Ein paar Minuten lang bist du so damit beschäftigt, dich an das ständige Schwanken und Wanken zu gewöhnen, dass du gar nicht dazu kommst, Fragen zu stellen. Einmal neigt sich der schlanke Hals des Drachens so abrupt zur Seite, dass du beinahe das Gleichgewicht verlierst. Zum Glück schaffst du es gerade noch, dich an den Rändern seiner Schuppenplatten festzuklammern.
Du brauchst eine Weile, doch bald weißt du, wie du dein Gewicht verlagern musst, um nicht abzurutschen. Ganz nah an deinem Ohr hörst du das Summen, das nur von deinem Lieblingskäfer kommen kann.
Was du hier gerade erlebst, ist einfach unglaublich. Wer schwimmt schon einfach mal mit einer Wasserschlange und einem sprechenden Käfer durch eine riesige Unterwasserhöhle? Niemand, den du kennst auf jeden Fall.
„Warum gerade ich?“, fragst du irgendwann und hörst nach einem Augenblick ein schwaches Echo deiner Worte. Die Höhle muss ziemlich groß sein, wenn der Schall so lange zu dir zurück braucht.
Zu deiner Überraschung antwortet dir der Drache mit tiefer Stimme: „Junger Mensch. Du wurdest auserwählt, doch ich kann dir nicht sagen, warum. Wir Wasserdrachen haben viele Gründe für unser Tun, doch wir verraten selten mehr, als unbedingt nötig ist.“
Gespannt lauschst du den Worten des Drachens, die so laut sind, dass du das Beben in seinem Brustkorb spüren kannst. Um euch herum ändert sich plötzlich die Umgebung. Statt der hohen Decke, die ab und zu von den flackernden blauen Lichtern erhellt wird, ist nun nur noch Finsternis über euch.
Scheinbar befindet ihr euch in einem engen Gang, denn auch das Echo wandelt sich. Du versuchst, es zu unterdrücken, aber der dunkle Tunnel versetzt dich ein wenig in Angst.
„Wo sind wir?“, keuchst du etwas außer Atem.
Diesmal ist es der Käfer, der dir antwortet: „Mach dich bereit, wir nähern uns der Brücke der Tapferkeit.“ Natürlich sagt dir der Begriff nichts, aber du nickst einfach und hakst nach: „Und warum?“
Der Drache kommt dem Insekt zuvor und lässt wieder seine rumorende Stimme erklingen: „Wir Wasserdrachen leben schon seit Jahrtausenden hier unten. Unser Reich sind die Flüsse und Gewässer, und unsere Welt liegt tief unter der euren. Normalerweise bemerkt ihr uns nicht einmal. Manchmal sehnen wir uns nach ein wenig Abwechslung und stellen einen von euch auf die Probe“, erklärt er und wendet seinen Kopf, um dich geheimnisvoll anzublicken.
Mit seinem schnarrenden Tonfall, der gar nicht zu dem des uralten Wesens passt, mischt sich der Marienkäfer ein: „Und ihre Wahl fiel auf dich. Heute wirst du eine Prüfung unterlaufen!“
Das klingt ganz und gar nicht gut. Bist du nicht aus der Schule geflohen, weil du die Langeweile und Angst vor Prüfungen satt hattest? Jetzt bist du hier und sollst schon wieder einen Test machen, aber was für einen?
Plötzlich öffnet sich der Tunnel und blaues Licht scheint zu euch herein. Ihr schwimmt durch einen Torbogen und gelangt zu einem riesigen Raum, viel größer noch als die erste Höhle. Vor euch liegt ein Streifen trockenes Land, und dahinter ein weiterer See. Darüber führt eine gewaltige steinerne Brücke und du fragst dich, ob diese geheimnisvolle Prüfung hier stattfinden wird.
Als hätte er deine Gedanken gelesen, antwortet der Käfer: „Dies ist die Brücke der Tapferkeit. Dein Ziel ist es, sicher auf die andere Seite zu gelangen. Viel Glück, du wirst es brauchen“, schnarrt der Käfer und kichert schelmisch. Im nächsten Moment bäumt sich der Drache auf und setzt dich mehr oder weniger sanft auf dem Steinboden ab.
„Du hast einen einzigen Versuch. Wir werden dich von hier aus beobachten. Gib dein Bestes“, weist er an und wirft dir noch einen aufmunternden Blick zu.
Dann zieht er sich in die Schatten zurück und du siehst nur noch ein paar gelbe Augen aufblitzen.
Vor dir liegt die Brücke der Tapferkeit.
Jana und Jannis sind wohl froh, nicht springen zu müssen, denn sie sehen tatenlos zu, wie Max mit dem Fallschirm auf Leon zukommt.
„Komm schon, zieh ihn an!“, befielt er mit einem drohenden Unterton.
Jetzt möchtest du nicht in Leons Schuhen stecken, denn er schluckt einmal und schlüpft dann in die Gurte. Sieht er keinen anderen Ausweg und weiß nicht, wie er sich wehren soll?
„Willst du auch wirklich?“, fragst du ihn sicherheitshalber.
Halbherzig nickt er, doch dabei sieht er dir nicht in die Augen. Es ist offensichtlich eine Lüge, und doch fängt Maxi an, ihn anzufeuern und zu klatschen.
Nach einer Weile stimmen auch Jana und Jannis mit ein. Eigentlich ist die Aktion ja ganz lustig, aber Leon scheint es wirklich nicht gut zu gehen, und wenn er Pech hat, kann Leon sich dabei ein Bein brechen.
Doch jetzt gibt es kein Entrinnen mehr.
„Bei drei springst du, okay?“, sagt Max und es klingt nicht wie eine Frage.
Irgendwie gefällt dir diese Situation ganz und gar nicht, doch was wirst du tun?
Während du noch überlegst, stürmt der Vater des Jungen auf den Pausenhof, dicht gefolgt von den Polizisten. Alle Köpfe drehen sich in Richtung der kleinen Gruppe, auch wenn keiner weiß, wer der aufgelöste Mann ist oder warum die Polizisten ihn nur mühsam zurückhalten können.
„Ich will zu meinem Sohn!“, beharrt er und schüttelt den Arm der freundlichen Polizistin ab.
„Ihm geht es gut“, verkündet der stämmige Polizist barsch und stellt sich ihm in den Weg, „zuerst müssen wir herausfinden, ob nicht Sie die Schuld an diesem tragischen Unfall tragen!“
Die Stimme des Polizisten klirrt vor Kälte und du siehst aus dem Augenwinkel, wie Jana zusammenzuckt.
Entgeistert schüttelt der Vater den Kopf: „Wie können Sie mir nur so etwas unterstellen, dass ich meinen Sohn…“ Mittlerweile hat auch der Letzte den Streit mitbekommen und sich der gaffenden Meute angeschlossen.
„Nun ja“, mischt sich der hagere Polizist mit dem Schnauzbart ein, „Sie konnten nicht verhindern, dass Ihr Sohn aus Ihrem Flugzeug springt, sich vorher sogar noch einen Fallschirm anschnallt. Und davon sollen Sie nichts mitbekommen haben? Das zeugt doch mindestens mal von fahrlässigem Verhalten! Sie hätten den Fallschirm sicherer aufbewahren sollen!“
Langsam verliert der Vater die Geduld und scheint kurz davor, ein paar Flüche auszustoßen und den Polizisten anzubrüllen. „So etwas ist noch nie passiert! Mein Sohn hat nie Anlass zur Sorge gegeben und ich habe ihn nicht als sehr waghalsig eingeschätzt. Aber dann stand er plötzlich an der Tür. Ich konnte es selbst nicht glauben.“
Der Mann fährt frustriert durch seine schütteren Haare. Du stehst wie angewurzelt da und lauscht dem Gespräch, versuchst immer noch krampfhaft, auf eine Lösung des Rätsels zu kommen.
Warum sollte der Junge plötzlich aufspringen, seine angefangene Postkarte liegen lassen und sich hinunterstürzen? Unwillkürlich musst du an seine Worte denken: „Es ist nur ein Traum…Dann kann ich machen was ich will.“
Wenn der Junge sonst nicht für gefährliche Aktionen bekannt ist, gilt das vielleicht nur fürs wirkliche Leben, aber nicht für seine Träume!
„Natürlich“, entfährt es dir und du siehst Jana und Janis aufgeregt an.
„Ich weiß jetzt, was passiert ist.“
Die beiden schauen dich mit großen Augen an und warten auf deine Erklärung, doch du musst sofort zu den Polizisten, alles andere kann warten! Ungeduldig schiebst du andere Leute beiseite und bahnst dir einen Weg durch die Menge.
„Herr Polizist!“, rufst du, doch zuerst schenkt dir keiner Beachtung. Nicht die vier Offiziere und auch nicht der aufgebrachte Vater.
„Ich weiß, was geschehen ist!“
Erst, als du am Hemd des großen Polizisten zupfst, drehen sich die Erwachsenen zu dir um und sehen dir fragend ins Gesicht.
„Das ist gerade kein günstiger Zeitpunkt für Detektivspielchen!“, schimpft der mit dem Schnauzbart. Fast glaubst du, alle würden sich sofort wieder umdrehen, doch du irrst dich. Die blonde Frau bittet die anderen, dich reden zu lassen und lächelt dich aufmunternd an.
„Es war ein Traum“, platzt du heraus, „der Junge ist im Flugzeug eingeschlafen und hat die Realität mit einem Traum verwechselt!“
Nun gilt dir nicht nur die Verärgerung, sondern auch noch der Spott der Männer. 
“Sieh mal, das Kind fantasiert, scheinbar ist das alles heute ein wenig zu viel!“, witzelt der bullige Polizist. Nicht jetzt, wo du schon so weit gekommen bist!
„Er ist geschlafwandelt!“, versuchst du ihm zu erklären, mit einem beinahe flehenden Unterton.
Es sind nicht die Polizisten, die dir letzten Endes glauben, sondern der Vater. Mit offenem Mund starrt er dich an und greift sich an den Kopf.
„Das kann nicht sein!“, flüstert er. Jetzt gehört ihm die Aufmerksamkeit aller Polizisten. „Vor Jahren haben sie bei meinem Sohn Narkolepsie festgestellt!“, erzählt er und scheint es kaum glauben zu können.
„Narkolepsie?“, echot der Bärtige verständnislos.
Die Polizistin ist besser informiert und erklärt ihrem Kollegen: „Eine Schlafkrankheit! Patienten verfallen ohne Vorwarnung in Sekundenschlaf! Es könnte in diesem Fall sogar stimmen!“
Immer noch skeptisch sehen die Polizisten von dir zum Vater, dessen Gesicht noch immer von Sorge überschattet ist. Du nutzt das Schweigen, um die Postkarte aus der Tasche zu ziehen und sie ihnen als Beweismittel hinzuhalten.
„Sehen Sie, hier ist er eingeschlafen!“
In den Gesichtern der Beamten zeigt sich etwas wie Verständnis.
„Tatsächlich. Das klingt wie eine plausible Erklärung, jedenfalls wenn Sie die Wahrheit sagen“, muss nun auch der Mann mit dem Schnauzbart zugeben, obwohl er den Vater immer noch misstrauisch mustert.
Mittlerweile stehen Janis und Jana wieder hinter dir und bejubeln dich leise, denn scheinbar hast du es geschafft. Du hast den Polizisten die Meinung gesagt!!
„Das werden wir prüfen, aber ich konnte sowieso von Anfang an nicht glauben, dass eine böse Absicht hinter der Sache stecken soll“, sagt die Polizistin sanft und legt dem Vater eine Hand auf die Schulter.
Du siehst, wie ich die Erleichterung durchströmt und die Last förmlich von ihm abfällt.
„Jetzt können Sie auch nach dem Jungen sehen“, erlaubt der breite Polizist und lächelt sogar ein wenig.
Immer noch kannst du nicht glauben, dass du mit deinen Nachforschungen einen unschuldigen Mann gerettet hast.
„Das haben wir gut gemacht!“, jubelt Jana und du kannst nicht anders, als ihr ansteckendes Grinsen zu erwidern.
Auch ihr Bruder macht Luftsprünge und ist sich sicher: „Wir sollten mal wieder zusammen ermitteln!“
Da bist du hundertprozentig dafür. Lächelnd siehst du dem Piloten nach, wie er in Begleitung der Polizisten in Richtung Sanitäterraum geht.
Langsam legt sich der Aufruhr auf dem Pausenhof und die Leute wenden sich wieder anderen Dingen zu, wie etwa sich herumzuschubsen oder zu lachen.
Während in der Schule wieder Normalität einkehrt, seht ihr drei euch an und wisst genau, dass ihr den heutigen Tag nie vergessen werdet. Denn heute habt ihr einen unschuldigen Mann gerettet und einen schwierigen Fall gelöst!
Die beiden Wesen stehen sich gegenüber, zwei völlig ungleiche Gottheiten und doch so ähnlich. Beide strahlen diese Aura von Macht und Majestät aus, die du bei einem von ihnen bereits zu spüren bekommen hast.
Quetzalcoátl klappt seine Flügel zusammen und lässt sich mit dem hinteren Teil seines Schlangenleibs auf dem Boden nieder.
„Sieh nur, Bruder, wie wunderbar die Opfer der Menschen duften!“
Nach einem raschen, abfälligen Blick auf das Blumenmeer um sie herum schnaubt Tezcatlipoca verächtlich.
„Blumen und Schmetterlinge, wozu soll das gut sein? Für dieses Opfer mussten die Menschen nicht einmal auf etwas verzichten!“
Erst jetzt fällt dir auf, dass die unzähligen Farbtupfer auf der grünen Wiese nicht nur Blumen sind: Bei einigen der bunten Flecken handelt es sich um tote Schmetterlinge! Mit einem Schaudern betrachtest du die wunderschönen Flügel, die zum Teil bereits zerfallen, woanders noch in ihrer vollen Pracht erhalten sind.
Neben dir fliegt der Käfer eine nervöse Schleife. Scheinbar beunruhigt es ihn, andere Insekten in so einem Zustand zu sehen.
„Das ist ein Zeichen ihrer Verehrung“, widerspricht der Schlangengott, „ich erwarte kein Blut von ihnen. Dafür habe ich sie nicht geschaffen! Sie sollen mir dienen, nicht für mich sterben.“
Bei diesen Worten hältst du kurz die Luft an.
„Quetzacoátl hat uns geschaffen?“, flüsterst du dem Käfer zu. Der beruhigt sich so weit, dass er dir mit einem schwachen „Ja, er ist der Schöpfergott, sagte ich doch“, antworten kann.
Beeindruckt betrachtest du noch einmal die schillernden, vielfarbigen Schuppen, die ihn so wunderschön und friedlich aussehen lassen. Tezcatlipoca hingegen ähnelt mehr einem Menschen mit raubtierartigem Kopf und wirkt aggressiv und gefährlich. Sein Leopardenfell-Umhang peitscht ihm um die Füße. Jetzt erkennst du die beiden Gegenstände, die er in seinen Händen hält: Einer ist ein glänzender Handspiegel, der andere eine scharf blitzende Klinge aus scharfem Stein. Wozu er diese Dinge wohl braucht?
„Es mag sein, dass wir niemals einer Meinung sein werden. Ich finde, ein wenig Blut ab und zu kann nicht schaden, es macht sie gottesfürchtiger.“
Bevor Quetzalcoátl darauf antworten kann, dreht sich der Kriegsgott plötzlich zu dir und dem Käfer um: „Jetzt sollten wir erst einmal entscheiden, wie wir mit unserem Gast verfahren!“
Bei dem eindringlichen Blick seiner geschlitzten Augen spürst du ein Kribbeln im Nacken.
Was hat er bloß mit dir vor?
Auch Quetzalcoátl begutachtet dich und schweigt für einen Moment.
„Ich finde, unser Mensch hier sollte hierbleiben und mich verehren. Zusammen mit den Menschen im Dorf kann er mich anbeten und Blumen sammeln.“
Wohlwollend sieht er dich an und sagt: „Es wird dir hier in Chichen Itzá gefallen!“
Du willst gerade erwidern, dass du eigentlich nach Hause möchtest, statt hier ewig zu bleiben, doch dann richtet Tezcatlipoca das Wort an dich: „Junger Mensch. Mein Spiegel kann in die Zukunft sehen und hat mir deine Ankunft gezeigt. Es gibt einen Grund für die Reise durch die Zeit. Du wurdest auserwählt, ein Jahr lang mit uns Göttern zu leben.“ Verblüfft siehst du ihn an und spürst, wie der Käfer neben dir Hüpfer in der Luft macht.
„Ein Jahr?“, fragst du ungläubig.

„Ja, ein Jahr, man wird dich mit allem versorgen, was du brauchst. Die Dorfbewohner kennen eure Technologie nicht und werden dich als Gott verehren, wenn du ihnen davon erzählst.“

Für einen Moment stellst du dir vor, wie du ihnen Pläne von Flugzeugen und Computern zeichnest du dafür mit Gold und Süßigkeiten überhäuft wirst. Du könntest alles haben, was du je wolltest.

„Und dann?“, fragst du, weil du nicht sicher bist, was nach einem Jahr geschehen soll.

„Dann wirst du in deine Zeit zurückkehren, wie du es wünschst“, versichert der Gott mit einem Lächeln. Dabei fallen dir seine scharfen, gelblichen Reißzähne auf.

Nun mischt sich Quetzalcoátl ein und wirft dir einen warnenden Blick aus hyptnotisierenden Schlangenaugen zu: „Pass auf. Mein Bruder versteht es sich darauf, andere zu täuschen.“

Seine knappe Warnung klingt so eindringlich, dass du zögerst und Tezcatlipoca noch einmal prüfend musterst. Wozu braucht er noch einmal das lange Messer aus Stein?

„Hör nicht auf ihn“, säuselt der Leopardenmensch, „er versucht, dich auf seine Seite zu ziehen, damit er einen weiteren gehorsamen Arbeiter für sein Dorf hat. Er hat nicht vor, dich wieder gehen zu lassen.“

Dabei ignoriert er das missbilligende Zischen, das Quetzalcoátl ausstößt und fährt einfach fort: „Ich dagegen biete dir ein Leben in Luxus und zeige dir in einem Jahr das Portal in die Zukunft.“ 

Unschlüssig schaust du von einem Gott zum anderen. Welcher sagt denn nun die Wahrheit?
Der Käfer, den beide bisher ignoriert haben, ist auch keine Hilfe, so, wie er sich hinter dir versteckt.

Quetzalcoátl sieht seinen Bruder wutentbrannt an: „Ich lasse mir meinen Mensch nicht mehr wegnehmen, jetzt, wo ich ihn habe.“ 
Tezcatlipoca lacht bloß. „Ich finde, wir sollten  unseren Gast  selbst entscheiden lassen.“

Jetzt hat Quetzcalcoátl nichts mehr einzuwenden und wendet sich dir zu. 
„Wie lautet deine Wahl, kleiner Mensch?“

Endlich erwacht der Käfer aus seiner Starre und flüstert dir etwas zu: „Es ist besser, dem Kriegsgott zu glauben! Wir müssen unbedingt zurück reisen, und er kennt den Weg.“
Doch wie wirst du dich entscheiden?
Noch einmal mustert der Drache dich eindringlich und schärft dir ein: „Es ist wirklich wichtig, dass du schnell ans andere Ende der Brücke gelangst! Überquere sie rasch und verliere keine Zeit, sonst hast du verloren!“
Dabei reckt er seinen schuppenbesetzten Hals und sieht plötzlich riesig und Furcht einflößend aus, mit seinen gelben Augen und der stachelbewehrten Schwanzspitze, die aus dem Wasser ragt.
Du bist wild entschlossen, die Prüfung zu bestehen, nicht nur, weil du deine Ehre behalten möchtest, sondern auch, weil du Angst vor den Folgen hast, wenn du durchfällst. Wüsstest du wenigstens, um was es hier geht, oder worauf sie achten, wenn du über die Brücke gehst!
Du betrachtest sie noch einmal und fragst dich, was denn da schon schief gehen kann. Deiner Meinung nach sieht sie wie eine gewöhnliche Steinbrücke aus. Doch an diesem verrückten Tag verlässt du dich lieber auf nichts.
Noch einmal siehst du Hilfe suchend zum Käfer, doch der nickt nur und du glaubst, dass er dir mit seinen kleinen Insektenbeinen etwas wie ein „Daumen-Hoch!“-Zeichen gibt. Na dann mal los!
Unsicher machst du den ersten Schritt auf die Steinbrücke, die sich leicht wölbt und kein Geländer hat. Dabei erzeugst du ein Geräusch, das in der großen Höhle widerhallt.
Misstrauisch siehst du dich um, doch nichts Bemerkenswertes geschieht. Nach ein paar weiteren Schritten beginnst du, dich sicherer zu fühlen, vielleicht ist die Brücke wirklich ungefährlich und die beiden wollen sich nur über dich lustig machen? Daran hast du deine Zweifel!
Beinahe glaubst du, du erreichst das Ufer unbeschadet, als dir plötzlich etwas am Brückenrand auffällt. Es ist ein kleiner Junge, der sich mit aller Kraft an den Rand klammert, aber immer wieder abrutscht. Hilflos baumelt er ein paar Meter über dem Abgrund.
Für einen Moment fragst du dich, wie tief das Wasser ist. Vielleicht kann er nicht schwimmen, schießt es dir durch den Kopf. Flehend sieht der Junge dich an, doch seine Augen ruhen nicht lange auf dir, weil er zu beschäftigt ist, sich festzukrallen.
Als du näher heran gehst, kräuselt sich auf einmal die Wasseroberfläche und eine Flosse erscheint. Zuerst denkst du an einen Hai, doch dafür ist sie zu klein und sieht auch anders aus.
Erschrocken beobachtest du, wie erst einer, dann zwei, dann drei Fische mit messerscharfen Zähnen zum Vorschein kommen. Bald siehst du dich einem ganzen Schwarm dieser Dinger gegenüber.
Sind das Piranhas? Sicher ist, dass sie gefährlich sind und nur eines wollen – das Blut des Jungen. Gleichzeitig ruft er immer noch um Hilfe.
Unschlüssig siehst du vom Ende der Brücke zu ihm und wieder zurück. Du bist so nah am Ziel und erinnerst dich an die Worte des Drachen – Du musst unbedingt ans andere Ende, und das so bald wie möglich.
Doch jemand ist in Gefahr und wird womöglich von den Monsterfischen in Stücke gerissen, wenn du nicht einschreitest.
Du hörst auf, seinen Namen zu singen, und rüttelst Max an den Schultern.
„Der Schirm wird nicht aufgehen. Bist du verrückt?“ Doch es ist zu spät: Max schüttelt energisch deine Hand ab und drängt Leon so weit an den Rand, dass er strauchelt. Innerhalb einer Sekunde wechselst du einen Blick mit Janis und packst Max mit aller Kraft am Arm. Er wehrt sich, doch mit Janas und Janis’ Hilfe schaffst du es, ihn davon abzuhalten, Leon wehzutun.
„Hilfe!“, schreien Janis und du immer wieder, und aus der Menschenmasse unten lösen sich zwei Lehrer, die alarmiert zu euch hochsehen.
Als Max sie sieht, gibt er allen Widerstand auf und sinkt in sich zusammen. Auch er hat wohl jetzt gemerkt, dass es schrecklich falsch ist, was hier geschehen ist. Das Spiel ist vorbei.
Ein paar Minuten später stehen zwei Lehrer und eine Lehrerin bei euch auf dem Dach und sehen euch tadelnd an. Vor allem Max bekommt zu hören, wie unverantwortlich und unreif sein Verhalten ist.
Ein Lehrer nimmt seinen Arm, um ihn sicherheitshalber festzuhalten, doch es ist nicht nötig. Mittlerweile blickt er zu Boden, mit herabhängenden Schultern, und denkt wohl darüber nach, was er beinahe getan hätte.
Jannis und dich behandeln die Lehrer nicht weniger streng, doch sie danken euch für euer vorbildliches Verhalten und euren Mut, in so einer Situation das Richtige zu tun und Hilfe zu holen.
Puh, da habt ihr das Unglück wohl noch einmal abgewendet. Der Schock steckt dir immer noch in den Gliedern, und während ihr die Treppe heruntergeht, gehst du auf Leon zu, der immer noch zittert.
„Danke!“, flüstert er und schenkt dir ein Lächeln. In diesem Moment bist du so froh, dass du am Ende doch noch das Richtige getan hast und Hilfe geholt hast.
Schweigend geht Max vor dir her, und du fragst dich, was bei ihm schief gelaufen ist, dass er auf solche dummen Ideen kommt! Und du hättest beinahe mitgemacht! Doch jetzt ist ja doch noch alles gut gekommen und niemandem ist etwas passiert. Nachdem die Lehrer euch zu Pausenhofkehren mit dem Hausmeister verdonnert haben und euch schriftliche Verweise versprochen haben, darfst du zurück zu den anderen.
Bald verklingen die Sirenen des Alarms und alle werden zurück in ihre Klassenzimmer geschickt. Von dem Jungen, dem der Fallschirm gehört, entdeckst du keine Spur.
„Was?“, blafft Max dich an, fast schon erschrocken. „Du willst uns den ganzen Spaß verderben?“
Auch, wenn es schwierig ist, versuchst du, ruhig zu bleiben und redest auf ihn ein.
„Weißt du, was da alles passieren kann?“
Sein Blick ist so vernichtend, dass du meinst, blauen Giftnebel daraus hervorkriechen zu sehen.
Zum Glück kommt Jana dir zur Hilfe: „Das ist wahr, wenn es schief geht, sind wir schuld.“
Mittlerweile funkelt er euch alle böse an und starrt in Richtung von Leon, der in der abgerissenen Fallschirmausrüstung völlig verloren aussieht.
„Ach quatsch, dann ist er selbst Schuld!“
Etwas an seinen Augen kommt dir bedrohlich vor, sie sind blau und… wild.
„Oh nein, hoffentlich rastet er nicht aus“, zischt dir Jannis zu, der die ganze Zeit geschwiegen hat.
Als Max einen Schritt auf Leon zumacht, ahnst du nichts Gutes. Doch bevor du etwas tun kannst, packt er den armen Jungen auch schon am Ärmel und zerrt ihn in Richtung Abgrund. Du musst sofort etwas unternehmen!
Zusammen mit Jannis läufst du an die Kante und rufst so laut du kannst „Hilfe!“
Zum Glück stehen unten mehrere Lehrer, die mittlerweile von dem Tumult auf dem Dach mitbekommen haben. Plötzlich schreit Jana hinter dir auf, und als du dich umdrehst, siehst du, warum.
Max zerrt Leon immer weiter auf den Abgrund zu.
„Seht mal, wie der Kleine fliegen kann!“, grölt er, doch dann merkt er, dass er von den Lehrern beobachtet wird.
Das lässt ihn erstarren und er nimmt schnell die Finger von Leon. Sogar einer wie er hat Angst, von der Schule zu fliegen. Ein paar Minuten später stehen zwei Lehrer und eine Lehrerin bei euch auf dem Dach und sehen euch tadelnd an. Vor allem Max bekommt zu hören, wie unverantwortlich und unreif sein Verhalten ist.
Ein Lehrer nimmt seinen Arm, um ihn sicherheitshalber festzuhalten, doch es ist nicht nötig. Mittlerweile blickt er zu Boden, mit herabhängenden Schultern, und denkt wohl darüber nach, was er beinahe getan hätte.
Jannis und dich behandeln die Lehrer nicht weniger streng, doch sie danken euch für euer vorbildliches Verhalten und euren Mut, in so einer Situation das Richtige zu tun und Hilfe zu holen.
Puh, da habt ihr das Unglück wohl noch einmal abgewendet. Der Schock steckt dir immer noch in den Gliedern, und während ihr die Treppe heruntergeht, gehst du auf Leon zu, der immer noch zittert.
„Danke!“, flüstert er und schenkt dir ein Lächeln. In diesem Moment bist du so froh, dass du am Ende doch noch das Richtige getan hast und Hilfe geholt hast.
Schweigend geht Max vor dir her, und du fragst dich, was bei ihm schief gelaufen ist, dass er auf solche dummen Ideen kommt! Und du hättest beinahe mitgemacht! Doch jetzt ist ja doch noch alles gut gekommen und niemandem ist etwas passiert. Nachdem die Lehrer euch zu Pausenhofkehren mit dem Hausmeister verdonnert haben und euch schriftliche Verweise versprochen haben, darfst du zurück zu den anderen.
Bald verklingen die Sirenen des Alarms und alle werden zurück in ihre Klassenzimmer geschickt. Von dem Jungen mit dem Fallschirm entdeckst du keine Spur.
„Nein“, zischt euch Jana zu, „sie dürfen auf keinen Fall vor uns zu ihm!“
Janis nickt und fügt hinzu: „Wenn er wach ist, müssen wir ungestört mit ihm reden können!“
Du gibst ihnen Recht, also macht ihr euch nicht ganz unauffällig davon und rennt über den Volksfestplatz zurück zur Schule. Zum Glück schauen die Polizisten euch bloß desinteressiert hinterher, ohne etwas zu unternehmen.
Drüben angekommen haltet ihr erst einmal nach dem Jungen Ausschau. Immer noch ist der ganze Pausenhof in Aufruhr, und ihr braucht nicht lange, bis ihr zu dem Beet kommt, in das er gestürzt ist.
Wenn ihr Glück habt, ist er mittlerweile aufgewacht.
Außer Hörweite der Polizisten seht ihr euch an und runzelt die Stirn.
„Aus dem werden sie wohl genauso wenig rauskriegen wie wir…“, vermutet Janis.
Wie vorher auch setzt sich Jana für den Jungen ein: „Janis, er ist verletzt. Es ist ja klar, dass er verwirrt ist.“ Mit hochgezogenen Augenbrauen sieht er seine Schwester an. „Deswegen faselt er nur von Träumen, das hilft uns nicht weiter.“
Damit die Polizisten und der aufgelöste Vater euch nicht reden hören, geht ihr ein Stück vor ihnen und beeilt euch, zur Schule zu kommen. Die Zwillinge diskutieren weiter, doch deine Gedanken schweifen wieder zu dem Jungen und dem verzweifelten Vater.
Es muss doch eine Lösung geben, einen Grund, warum der Junge gesprungen ist.
Als ihr auf dem Schulhof ankommt, mischt ihr euch sofort unter die Menge und wartet auf die Polizisten, doch du bekommst von alldem nicht mehr viel mit, so intensiv denkst du nach.
Der Käfer hat Recht: Am allerwichtigsten ist es, nach Hause zurückzukehren. So faszinierend du den Kukulcán-Tempel findest, die Vorstellung, für immer hierbleiben zu müssen, ist schrecklich.
Du versuchst, aufrecht zu stehen und den Kopf zu heben, als du den Göttern deine Entscheidung mitteilst. In den Katzenaugen des Leopardengottes glimmt ein schelmischer Funke auf und verschwindet dann wieder. Er strahlt dich an und macht ein paar Schritte auf dich zu.
„Wie wunderbar! Dann zeige ich dir gleich einmal deine Gemächer und helfe dir, dich neu einzukleiden!“
Scheinbar hat Tezcatlipoca bereits alles für dein Jahr an seiner Seite vorbereitet. Du lächelst unsicher und denkst darüber nach, wie du am besten nach dem Portal fragen sollst. Denn eigentlich wäre es dir lieber, gehen zu können, wann du willst, statt ein ganzes Jahr zu warten!
Mag sein, dass es sich gut anfühlt, von den Maya verehrt zu werden, doch was ist mit deiner Familie und deinen Freunden zuhause? Die beiden Götter geben dir keine Gelegenheit, etwas zu sagen, denn nun ist der Streit wieder voll entfacht.
„Wie kannst du nur, Menschendieb? Mich sollten diese Wesen aus der Zukunft verehren!“ Quetzalcoátl ist so wütend, dass du fast glaubst, Funken aus seinen Augen sprühen zu sehen. Hämisch grinst ihn sein Bruder an und deutet auf dich. „Nun ja, gewählt ist gewählt! Jetzt kommst du mit mir!“, sagt er an dich gewandt.
Plötzlich tritt er auf dich zu und umgreift deine Taille. Er legt dich wie einen Sack Reis über seine Schulter und ist bereit, dich wegzutransportieren, als du die Stimme des Schlangengottes hörst.
„Pass auf, junger Mensch! Er will dich bloß opfern, wie jedes Jahr einen jungen Maya aus der Stadt! Er ist dir nicht wohlgesonnen, er möchte dir schaden! Flieh, wenn du kannst!“
Was du da hörst, klingt gar nicht gut, doch für den Moment kannst du nichts tun. Alles steht auf dem Kopf und du weißt nicht einmal, wo der Tiermensch dich hinträgt. Leider ist sein Griff so fest, dass du dich nicht befreien könntest.
Fieberhaft suchst du nach einem Ausweg. Wenn Quetzalcoátl Recht hat, sieht es schlecht für dich aus. Obwohl du von deiner Position aus nur den blauen Himmel sehen kannst, merkst du an seinen ruckartigen Auf- und Abbewegungen, dass ihr die große Treppe besteigt. Egal, wie oft du ihn rufst und um dich schlägst, Tezcatlipoca lässt dich nicht gehen und erklärt dir auch nicht, was er vorhat.
Während eures Aufstiegs hörst du hin und wieder ein leises Surren und bist dir sicher, dass der Käfer euch folgt. Du hättest ihm beinahe zugeraunt, sich aus dem Staub zu machen. Doch er bleibt stets an deiner Seite. Nur kann er dir erst recht nicht helfen, winzig wie er ist.
Oben angekommen, stellt er dich endlich auf die Füße und mustert dich, als wärst du eine Ware, die er gerade gekauft hat und auf ihre Qualität prüfen möchte. Das ganze gefällt dir ganz und gar nicht. Worauf hast du dich da nur eingelassen!
Du kannst nicht anders, als mit der Frage herauszuplatzen, die dich am meisten beschäftigt: „Soll ich wirklich geopfert werden?“
Ein leichtes Grinsen umspielt das Raubtiergebiss des Gottes, doch nun ist es nicht mehr einladend und freundlich.
„Nun ja, man kann sagen, dass ich das vorhabe. Allerdings ist es mein gutes Recht, das zu tun.“
Alamiert und ungläubig siehst du ihn an. Sein Recht? Was meint er damit?
Er entschließt sich, dich einzuweihen, wobei dir sein Griff zum Knauf seines schwarz glänzenden Messers nicht entgeht: „Jedes Jahr opfern mir die Menschen einen ihrer Jugendlichen, wie ich dir schon gesagt habe. Der wird ein Jahr als Gott verehrt und muss dann vor den Augen aller sterben. Nur dieses Jahr sind die Menschen ungehorsam und wollen mir keines ihrer Kinder mehr opfern.“
Mit geweiteten Augen hörst du dem Wesen zu und kannst es nicht fassen.
„Allerdings wäre es schlecht für meinen Ruf, dieses Jahr auf Menschenblut zu verzichten. Also dachte ich mir, ich besorge mir meinen Menschen dieses Jahr selbst.“
Er sieht dich lauernd an und amüsiert sich über deinen ungläubigen Gesichtsausdruck.
„Dabei macht es ja nichts, ob du aus der Zukunft kommst oder von hier bist. Richtig eingekleidet fällt das keinem auf.“ Doch was meint er mit „besorgen“? Bist du nicht zufällig auf einer Zeitreise hier gelandet? Plötzlich fällt dein Blich auf den Käfer und als dir seine verwandelten Flügel auffallen, wird dir alles klar: Er sieht jetzt nicht mehr wie ein Marienkäfer aus, sondern wie eines der Insekten, die hier herumschwirren.
„Du hast mich verraten“, jaulst du.
Das fiese kleine Insekt gibt keine Antwort, und außer seinem Monstergebiss ist es sowieso kaum mehr wieder zu erkennen. Wie konntest du ihm nur vertrauen? Jetzt, wo du auch noch deinen letzten Verbündeten verloren hast, wird deine Situation immer brenzliger.
Was sollst du nur tun, hier oben auf dem Dach eines Maya-Tempels gefangen? Mit einem wilden Lachen kommt Tezcatlipoca auf dich zu, das Messer in der Hand.
Du kneifst die Augen zu und weichst einen Schritt zurück. Soll es das gewesen sein?
In diesem Moment hörst du einen Flügelschlag über dir. Quetzalcoátl ist euch durch die Luft auf das Dach gefolgt! Mit einem schrillen Schrei stürzt er sich auf seinen Bruder, dem die Klinge aus der Hand fällt.
„Wie kannst du nur Hand an einen unschuldigen Menschen legen?“
Tezcatlipoca wimmert vor sich hin und scheint ziemlich hart getroffen zu sein.
„Nur, weil du dich mit Schmetterlingen und Blumen begnügst!“
Die Stimme der goldenen Schlange muss bis ins Tal zu hören sein, so laut ist sie, und du wirst sie niemals vergessen. „Ich bin ein friedlicher Gott und dulde keine Menschenopfer! Fort mit dir, du grausame Kreatur!“
Mit diesen Worten verscheucht er den Käfer und packt dich. Er bringt dich ins Innere des Tempels und sieht dir mit seinen weisen, funkelnden Augen ins Gesicht.
„Du findest das Portal ein paar Schritte links von dir. Geh, so schnell du kannst! Ich kann nicht zulassen, dass du doch meinem Bruder in die Hände fällst!“
Dankbar nickst du ihm zu, doch ehe du etwas sagen kannst, schwingt sich das wunderschöne Geschöpf schon wieder davon, sicher, um seinen Bruder in Schach zu halten. Du atmest erst einmal tief durch und siehst dich in der Eingangshalle des Tempels um.
Dir strahlt ein Leuchten entgegen, das dir bekannt vorkommt: Eine Wand mit den gleichen Bildern wie in der Höhle zu Hause! Froh, es so schnell gefunden zu haben, eilst du auf das Portal zu und spürst, wie alles um dich herum verschwimmt. Was für ein Glück du auch hast, einem der gerechtesten alten Götter der Maya begegnet zu sein!
Nur kannst du immer noch nicht glauben, dass der Käfer dich verraten hat. Nun musst du dich ohne ihn im Halbdunkel des Bunkers zurechtfinden.
Doch es ist nicht schwer, den Ausgang zu finden, und so tappst du bald den Weg zur Schule entlang, voller Erinnerungen von goldenen Schuppen und reglosen Schmetterlingen. Was für ein Tag.
Dann kommt auch schon die Schule in Sicht und du gesellst dich zu den anderen. Wenn sie wüssten, wie knapp du einem Leben unter Maya-Göttern im schrecklich heißen Urwald entgangen bist!
„Ich habe meine Wahl getroffen“, verkündest du laut und mit fester Stimme.
„Ich bleibe bei Euch, Quetzalcoátl“, sagst du dem Schlangengott und deutest eine Verneigung an. Der funkelnde Blick des Schlangengottes ruht auf dir und bringt dir wahre Wertschätzung entgegen.
Tezcatlipoca hingegen starrt euch beide hasserfüllt an und eilt dann davorn, mit wehendem Umhang und blitzendem Messer. Puh, da bist du dem Opferritual gerade noch mal so entronnen.
Als du Quetzcalcoátl danach fragst, erklärt er dir: „Höchstwahrscheinlich wollte er dich in einer großen Zeremonie opfern, um die Menschen das Fürchten zu lehren. Jedes Jahr trifft es einen der ihren, doch dieses Jahr habe ich sie überzeugt, nur Blumen und Schmetterlinge zu opfern!“
Erleichtert hörst du ihm zu und kannst nicht glauben, dass du dem bösen Kriegsgott beinahe Glauben geschenkt hast. Nun bleibt allerdings eine Frage: Wie kommst du nach Hause zurück?
„Ich würde euch ja gerne anbeten, großer Quetzalcoátl!“, versuchst du es mit Schmeichelei, „aber zuhause habe ich Plichten! Die Schule, meine Familie und Freunde. Sie machen sich sonst Sorgen!“
Die gefiederte Schlange sieht dich zwar verständnisvoll an, doch in ihrem Blick liegt neben Bedauern auch Gier. 
“Das tut mir Leid. Aber ich wollte schon immer ein Wesen aus der Zukunft, da meine Herrlichkeit anbetet“, erklärt er und blickt selbstgefällig an sich herunter.
Was sollst du nur tun, um ihn dazu zu bewegen, dich gehen zu lassen?
„Gibt es wirklich keine andere Möglichkeit?“ Zu deiner Überraschung ist es nicht Quetzcalcoátl, der dir antwortet.
„Ja, die gibt es“, erklingt ein dünnes Stimmchen ganz nah an deinem Ohr. Der Käfer! Den hast du ja ganz vergessen, seit er vor Angst in einen Schockzustand geraten ist.
Nun ist er wieder ganz der Alte und sieht dich aus kleinen schwarzen Augen an. In ihnen liegt Entschlossenheit, aber auch Verzweiflung. Zu spät merkst du, was der Käfer vorhat.
„Ich werde hier bleiben und euch anbeten, großer Quetzalcoátl!“ Dir steht vor Staunen der Mund offen.
Trotz seiner schrecklichen Angst vor allem, was fliegt, opfert er sich, um dich zu retten?
Erst jetzt wird dir klar, wie viel dir dieses kleine Insekt eigentlich geholfen hat. Er war es, der dich zu diesem Abenteuer gebracht hat, und nun ist er es, der an deiner Statt hierbleiben wird, damit du in Ruhe weiterleben kannst.
Die Szene erinnert dich an die Szenen in Filmen, bei denen weinerliche Zuschauer für gewöhnlich in Tränen ausbrechen. Wie rührend!
Abschätzend sieht Quetzalcoátl den kleinen Marienkäfer an und wirkt erst eher abgeneigt, dann interessiert. Scheinbar ziehen ihn die rot-schwarzen Muster auf seinem Panzer in den Bann, denn er beugt sich so nah an den Käfer heran, dass dieser von einem Luftstoß aus seinen Nüstern davongewirbelt wird.
„In Ordnung!“, willigt er dann ein und sieht euch beide an. „Größe ist schließlich kein Maßstab, wenn es um Opferbereitschaft geht!“
An dich gewandt erklärt er, wie du zurück nach Hause kommst. Du bist verblüfft, wie nah das Portal liegt: Nur wenige Schritte entfernt, am Ende der langen Treppe des Tempels, befindet sich eine Wand ähnlich der im Bunker zu Hause. Und diese Information wollte er für immer vor dir geheim halten, damit du ihn anbetest?
Noch einmal siehst du zum Käfer und rufst ihm ein „Dankeschön!“ zu. Wie schön es ist, wenn jemand anderes trotz seiner Angst das Richtige tut und sich für die Freundschaft entscheidet.
Der Schlangengott verabschiedet sich von dir und gibt dir noch mit auf den Weg: „Lass dich nicht von meinem Bruder erwischen! Und erzähl allen in der Zukunft von meiner Größe und Genialität!“
Mit einem herzlichen Lachen wendet er sich ab und fängt mit dem Käfer ein Gespräch an. Der winkt ein letztes Mal und widmet sich voll und ganz seinem neuen Herren. So wie es scheint, wird sein neues Leben gar nicht so von der Angst, gefressen zu werden, geprägt sein. Vielleicht werden die beiden ja sogar Freunde!
Darüber und über die Opferpraktiken des Tezcatlipoca denkst du nach, als du die unzähligen Stufen der goldenen Treppe emporsteigst. Oben angekommen, tun dir zwar die Beine weh, aber du hast eine wunderbare Aussicht auf das Opferfeld mit seinen Blumen.
Wie wunderlich dir das ganze vorkommt, eine Reise zu den Maya, und doch hast du es erlebt! Mit einem Lächeln betrittst du das Innere des Tempels und hältst nach dem Portal Ausschau. Bald entdeckst du die Wand mit den leuchtenden Zeichnungen, die dich damals hierher transportiert haben.
Froh, es so schnell gefunden zu haben, eilst du auf das Portal zu und spürst, wie alles um dich herum verschwimmt. Was für ein Glück du hast!
Du kannst immer noch nicht glauben, dass der Käfer sich für dich geopfert hat. Nun musst du dich ohne ihn im Halbdunkel des Bunkers zurechtfinden.
Doch es ist nicht schwer, den Ausgang zu finden, und so tappst du bald den Weg zur Schule entlang, voller Erinnerungen von goldenen Schuppen und reglosen Schmetterlingen. Was für ein Tag.
Dann kommt auch schon die Schule in Sicht und du gesellst dich zu den anderen. Wenn sie wüssten, wie knapp du einem Leben unter Maya-Göttern im schrecklich heißen Urwald entgangen bist!
Einen Moment lang zögerst du noch, denn diese Prüfung scheint wirklich wichtig zu sein, doch die blanke Angst in den Augen des Jungen nimmt dir die Entscheidung ab. Egal, wie sehr du gewinnen möchtest, dieser Junge braucht dich.
Mit aller Kraft zieht er sich ein Stückchen hoch, nur um dann wieder den Halt zu verlieren und weiter abzurutschen. Hungrig und gierig bilden die Piranhas einen Kreis um ihn herum, denn es ist nur eine Frage der Zeit, bis er endgültig fällt. Doch sie haben nicht mit dir gerechnet!
So schnell du kannst hechtest du auf ihn zu und reichst dem kleinen, zitternden Jungen die Hand. Die Fische sind nicht begeistert, dass du ihnen ihre Beute wegnimmst und schnappen mit ihren monströsen Kiefern nach dir, doch auf der Brücke bist du außer Reichweite.
Dankbar hält sich der Junge an dir fest und lässt sich von dir hochziehen. Er sinkt auf der Brücke zusammen und seufzt erleichtert, stammelt ein paar Dankesworte und fängt an zu weinen.
Zur Beruhigung tätschelst du ihm die Schulter und bist froh um deine Entscheidung: Du hast jemanden gerettet!
Unter euch schnappen die Mäuler der mörderischen Fische auf und zu, doch ihr seid längst vor ihnen sicher. Während ihr sie erleichtert anstarrt, unfähig etwas anderes zu tun, verlieren sie langsam das Interesse und tauchen unter.
Du hilfst dem Jungen lächelnd auf die Beine und freust dich, dass es ihm abgesehen vom Schock gut geht, doch dann erstarrst du: Deine Prüfung! Hast du sie nun etwa verloren?
Innerlich wappnest du dich für die Niederlage, doch es ist dir egal, denn du hast gerade ein Menschenleben gerettet! Du gehst fest entschlossen auf das andere Ufer zu, wo der andere Teil des Unterwassersees blau schimmert.
Verblüffenderweise ist der Drache auch auf dieser Seite aufgetaucht. Die Kälte in seinen Augen lässt eine Welle der Angst über dir zusammenschwappen. Unsicher blickst du von dem Jungen, der immer noch unter Schock steht, zu den Monstern im Wasser und wieder zum Drachen.
Plötzlich verändert sich sein Gesichtsausdruck und wird weicher, fast kommt es dir vor, als zwinkere er dir zu. „Diese Wahl hätte ich nicht von dir erwartet, Menschenkind!“
Während du den Rest der Brücke überquerst, schwimmt er neben dir her. Auf deinen fragenden Blick antwortet er mit Worten, die weise klingen: „Doch es war die richtige Wahl. Nicht viele hätten sich wie du unseren Anweisungen widersetzt, um etwas Gutes zu tun. Denn um weiterzugehen, braucht es Mut, doch um stehen zu bleiben und alles zu riskieren, braucht es wahre Willensstärke. Die hast du bewiesen.“
Auf einmal taucht auch der Käfer auf und umrundet einmal triumphal deinen Kopf. „Du hast auf deinen eigenen Gewinn verzichtet und hast die Prüfung nicht bestanden.“
Erst verstehst du nicht ganz. Nach der Lobesrede des Drachen warst du dir sicher, die Prüfung trotz allem bestanden zu haben. Doch dann wird dir klar, dass es hier eben nicht um Gewinnen oder Verlieren geht, sondern nur um das, was wirklich wichtig ist.
Das alles wird dir schlagartig klar und du siehst den kleinen Jungen, den Käfer und den Drachen mit leuchtenden Augen an. Wie egal doch ein Test oder ein Spiel ist, wenn jemand wirklich in Gefahr ist!
Wissend sieht dich der Drache an und du meinst, ihn mit einem geschlitzten Auge zwinkern zu sehen. „Wie ich sehe, hast du verstanden, mein Menchlein.“ Unwillkürlich musst du lächeln und folgst den dreien zum Ausgang, der verblüffenderweise auf der anderen Seite der Brücke liegt. Scheinbar hat dich deine Aufgabe im Kreis durch die Unterwasserhöhle geführt.
So ganz hast du das System der Gänge und Tunnel noch nicht durchschaut, und es ist auch egal, als ihr euch dankend von dem Drachen verabschiedet, wieder hoch zu dem Raum mit den leuchtenden Bildern steigt und schließlich wieder an die frische Luft gelangt.
Als du dich umsiehst, merkst du plötzlich, dass der kleine Junge verschwunden ist.
„Er war nur eine Illusion!“, rufst du erstaunt aus. An deinem Ohr erklingt es belustigt: „Nicht so laut, wir sind wieder in deiner Welt. Und jetzt ab mit dir, man sucht sicher schon nach dir. Immerhin bist du jetzt schlauer als zuvor, zumindest für einen Menschen“, schnarrt der Marienkäfer und lächelt mit seinen spitzen Zähnen.
Er hat Recht, ob das alles nun echt war oder nicht, die Prüfung hat dir gezeigt, welche Entscheidung in schwierigen Situationen die richtige ist. In Gedanken versunken schlenderst du zur Schule und merkst gar nicht, wie der kleine Marienkäfer sich stillschweigend auf einem Blatt niederlässt und dir hinterher schaut.
Erst an der Schule fällt dir auf, dass er nicht mehr da ist, doch du kannst schlecht nach ihm suchen, denn mittlerweile haben dich deine Freunde und die Lehrer entdeckt.
„Da bist du ja!“, rufen sie und du entscheidest, dein kleines Abenteuer für dich zu behalten.
Denn ein Abenteuer war es, verrückter als alles andere, was du je erlebt hast, und du wirst dich immer an den Test auf der Brücke der Tapferkeit erinnern.
Unentschlossen siehst du dem Jungen in seine flehenden Augen. Hat der Drache es nicht deutlich gemacht, dass du so schnell wie möglich ans andere Ende gelangen musst?
Plötzlich fällt dir auf, dass der Junge ein wenig flach wirkt, als wäre er ein Fernsehbild und kein echter Mensch. Auch seine Augen kommen dir nun leblos und starr vor, mögen sie noch so verzweifelt blinzeln.
Irgendetwas stimmt mit dem Jungen, der von den Fischen bedroht wird, nicht, und du wirst deine Anweisungen befolgen und deinen Weg weitergehen. Widerwillig reißt du dich von dem Anblick los und heftest deinen Blick wieder auf die Brücke vor dir.
Dieser Ort ist wirklich sonderbar, denn auch, wenn du ihn nicht mehr sehen kannst, verspürst du das Bedürfnis, dem laut rufenden Jungen zu helfen. Aber du bist stark und lässt dich nicht von deinem Ziel abbringen, denn dieses Spiel läuft auf Zeit!
So schnell du kannst setzt du einen Fuß vor den anderen, auch wenn der Gedanke an den anderen Jungen dich nicht locker lässt.
Was passiert nun mit ihm? Sollst du vielleicht doch umkehren und ihm helfen?
Doch als du mühsam das andere Ufer erreichst, drehst du dich einmal um, und weder der Junge noch die Monster sind noch zu sehen. Wie kann das sein?
Im gleichen Moment taucht der Drache an deiner Seite auf und jagt dir mit seinen gelben Augen einen gehörigen Schreck ein. Missmutig ziehst du den Kopf ein und wartest darauf, dass er ein Unwetter auf dich loslässt.
Aber egal, wie lange du wartest, nichts dergleichen geschieht. Stattdessen nickt das uralte Wesen einmal anerkennend und plötzlich siehst du in seinen Augen die Weisheit eines jahrtausendelangen Lebens aufblitzen.
Ein Schauer rinnt deinen Nacken herab: Wie lange lebt dieses Wesen schon hier und warum hat noch nie jemand diesen unterirdischen Zugang zu seinem Reich aufgespürt?
Grollend erhebt die Wasserschlange die Stimme: „Das hätte ich nicht von dir erwartet, junger Mensch.“
Ängstlich siehst du auf, doch sein Tonfall klingt nicht tadelnd, ganz im Gegenteil, eher bewundernd. Mit einem bedeutungsschwangeren Blick sieht er dich an und verkündet: „Deine Entscheidung spricht von einem starken Willen, stärker, als ich es für möglich gehalten hätte. Statt dich ablenken zu lassen, bist du weitergegangen und hast dich nicht von der trügerischen Magie blenden lassen, die hier unten wirkt.“
Zuerst verstehst du nicht ganz, doch dann wird dir klar, dass der kleine Junge gar nicht echt war. Er war ein Trugbild, nur dazu geschaffen, dich zu verwirren und auf die Probe zu stellen.
„Du hast besonnen gehandelt, denn Hilfsbereitschaft wird oftmals ausgenutzt. Noch oft im Leben wirst du Menschen begegnen, die dir Fallen stellen und deine Gutherzigkeit ausnutzen wollen. Traue nur denen, die es wirklich gut mit dir meinen.“
Verblüfft denkst du darüber nach, was alles hätte geschehen können, wenn du stehen geblieben wärst. Der Junge hätte dich leicht in den Abgrund ziehen können, während er sich in Sicherheit bringt, du hättest das Gleichgewicht verlieren können und wärst so eine leichte Beute für die Raubfische geworden.
Erleichtert atmest du tief durch. Ohne es zu wissen, hast du richtig gehandelt und bist unversehrt am anderen Ufer angekommen.
„Heißt das, ich habe bestanden?“, fragst du hoffnungsvoll und schaust zu dem Drachen auf.
Beim Lächeln entblößt das Wesen seine spitzen Zähne, und auf einmal entdeckst du einen alten Bekannten, der um seinen Hals schwirrt: Der Käfer!
„Das hast du“, brummt er und umrundet einmal deinen Kopf, „gut gemacht, Menschlein, wer hätte das gedacht!“ Voller Stolz und immer noch etwas zittrig nimmst du ihre Glückwünsche entgegen. Manchmal entwickeln sich die Dinge ganz anders, als man es erwartet, und nicht alles ist immer, wie es aussieht.
Für einen Schultag hast du heute außergewöhnlich viel gelernt, und das auf eine ganz andere Weise als gewohnt. Strahlend folgst du dem Käfer, der dich zu einem Tunnel führt, der dich zurück zum Eingang bringen soll.
Nachdem du noch einmal das Gewicht seiner gelben Augen auf dir spürst, verabschiedet sich der Drache von euch und taucht mit einer eleganten Bewegung unter.
Wenig später steht ihr auch schon wieder dort, wo der Abstieg nach unten begonnen hat. Scheinbar führen die Gänge im Kreis, denn ihr durchquert den Raum mit den leuchtenden Bildern und gelangt schließlich wieder an die frische Luft.
„Jetzt ab mit dir, man sucht sicher schon nach dir. Immerhin bist du jetzt schlauer als zuvor, zumindest für einen Menschen“, schnarrt der Marienkäfer an deinem Ohr und lächelt mit seinen spitzen Zähnen.
Er hat Recht, ob das alles nun echt war oder nicht, die Prüfung hat dir gezeigt, welche Entscheidung in schwierigen Situationen die richtige ist. In Gedanken versunken schlenderst du zur Schule und merkst gar nicht, wie der kleine Marienkäfer sich stillschweigend auf einem Blatt niederlässt und dir hinterher schaut.
Erst an der Schule fällt dir auf, dass er nicht mehr da ist, doch du kannst schlecht nach ihm suchen, denn mittlerweile haben dich deine Freunde und die Lehrer entdeckt.
„Da bist du ja!“, rufen sie und du entscheidest, dein kleines Abenteuer für dich zu behalten.
Denn ein Abenteuer war es, verrückter als alles andere, was du je erlebt hast, und du wirst dich immer an den Test auf der Brücke der Tapferkeit erinnern.
Irgendwann legt sich der Tumult auf dem Pausenhof und die Lehrer beginnen, alle zusammenzutrommeln. Es ist Zeit, in den Unterricht zurückzukehren. Viele lachen und scherzen, andere ärgern sich, dass die unerwartete schulfreie Zeit schon wieder ein Ende hat.
Auch wenn nicht alle wissen, warum es überhaupt einen Feueralarm gab, ist neben der Enttäuschung auch Erleichterung zu spüren, weil nichts Schlimmes passiert ist.
Du gesellst dich zu deinen Freunden aus deiner Klasse, als wäre nichts gewesen. Würdest du ihnen von deinem Erlebnis berichten, würden sie dich sowieso nur ungläubig ansehen. An einem weiteren Aufruhr willst du nicht schuld sein.
Nein, diese Erinnerung gehört nur dir allein, denkst du lächelnd, während du den anderen ins Klassenzimmer folgst. Nun, nicht ganz allein.
Stöhnend nehmen deine Mitschüler ihre Hefte heraus und sehen den Lehrer missmutig an. Keiner hat Lust auf eine weitere langweilige Unterrichtsstunde, doch anders als sonst gehörst du nicht zu denen, die die Minuten bis zum Schulschluss zählen.
Nach dem, was du erlebt hast, ist dir der Unterricht beinahe recht, ein willkommener Ausgleich zu all der Spannung und Gefahr, die du heute durchgemacht hast.
Wenn die wüssten, denkst du versonnen und beobachtest sie. Denn nur du weißt, dass auch am langweiligsten aller Tage die erstaunlichsten, abgedrehtesten Dinge geschehen.
Zufrieden und müde hörst du dem Lehrer zu und siehst aus dem Fenster, an dem diesmal kein Käfer jeglicher Art krabbelt. Was für ein Tag!
Ende